Die abgelaufene Börsenwoche stand im Zeichen weiterer Kursrückgänge. Sie nahmen zwar kein bedrohliches Ausmaß an, doch sorgten sie dafür, daß die Resignation, die nun seit Wochen in den Börsensälen zu Gast ist, noch nicht überwunden wurde. Dennoch wäre es falsch, sich bei der Beurteilung der Kapitalmarktlage nur von negativen Momenten leiten zu lassen. Es zeichnet sich zwar nirgends ein grundlegender Wandel ab, doch scheinen alle am Kapitalmarkt interessierten Kreise nunmehr gewillt zu sein, die Dinge nicht mehr so weiterschlittern zu lassen, wie das bisher der Fall war. Auf freiwilliger Basis ist jetzt bei den Industrieanleihen eine vernünftige Dosierung neuer Emissionen erreicht worden: es soll nur jeweils eine Anleihe zur Zeichnung aufliegen. Unabhängig davon rangieren Länderanleihen, bei denen jedoch eine ähnliche Regelung schon besteht. Das Bundeskabinett will sich unter Führung desBundeskanzlers mit der Frage einer Kapitalmarktreform beschäftigen. Wenn auch mit raschen Entschlüssen hier nicht gerechnet werden kann, so dürften die Beratungen doch schon jetzt eine positive psychologische Beeinflussung ausüben.

Die Börse hat die Hürden der Jüngsten Bezugsrechtnotierungen besser genommen, als ursprünglich erwartet worden war. Die Unterbringung der jungen Salzdetfurth brachte kaum Schwierigkeiten, das gleiche läßt sich für die neuen Papiere von Allianz-Leben (Bezugsrechtkurs 65 bis 62 DM je Stück) sagen. Größer waren die Umsätze in Bezugsrechten der Dt. Erdöl AG, aber dennoch hat die Mehrzahl der Aktionäre selbst von dem Bezugsrecht Gebrauch gemacht, so daß es entgegen mancher vorheriger Äußerungen zu keinem starken Druck auf die Notiz kam; sie schwankte zwischen 11 und 11,50. Allerdings hatte man einer etwaigen Verkaufneigung durch eine Senkung des Kurses in den letzten Wochen vorgebeugt. Als die Aktionäre die Kapitalerhöhung genehmigten, notierten die Erdöl-Aktien noch zu rund 182 v. H., als das Bezugsrecht zur Notiz kam, waren die gleichen Papiere bereits zu 165 1/2 erhältlich.

Die Mittel für die neuen Aktien wurden zu einem erheblichen Teil durch den Verkauf anderer Papiere beschafft. Bei fast allen Hauptwerten des Aktienmarktes wurden ständig kleinere Beträge angeboten, die angesichts der Zurückhaltung der Anleger zu den bereits erwähnten Kursverlusten führten. Diese kleine Verkaufswelle löst jene Realisationen ab, die im vergangenen Monat durchgeführt wurden, um von der Möglichkeit der erweitertensteuerbegünstigten Anlage Gebrauch machen zu können, übrigens hat das steuerbegünstigte Sparen einen beachtlichen Erfolg zu verbuchen. Bis zum Jahresultimo ging das Ergebnis schon über. 500 Mill. DM hinaus. Wahrscheinlich wird bis März eine ähnliche Summe erreicht. Dadurch hat der Fiskus einige hundert Millionen bei der Einkommensteuer eingebüßt, doch wird dieses Minus angesichts der steigenden Einnahmen der Finanzbehörden kaum in Erscheinung treten. Da ein erheblicher Teil der steuerbegünstigt gesparten Mittel über Wertpapierverkäufe (also nicht durch echtes Sparen) aufgebracht worden ist, mußte es zwangsläufig zu rückläufigen Kursen bei den Aktien und hauptsächlich auch bei den Renten kommen. Die Belastung von dieser Seite hält an, denn am 31. März läuft die Frist ab, innerhalb der erneut bis zu 12 000 DM festgelegt werden können (davon jeweils die Hälfte für das Steuerjahr 1957 absetzbar). Von den Banken wird bestätigt, daß viele Kunden auch von dieser Möglichkeit, Steuern zu sparen, Gebrauch machen wollen.

Am Markt für festverzinsliche Papiere war die Verkaufsneigung nicht mehr ganz so drängend wie in den Wochen vorher. Immerhin traten weitere Kursverluste ein, und in manchen Pfandbriefemissionen wurde das im Markt befindliche Material nicht voll aufgenommen. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache muß leider festgestellt werden, daß die in den Kurszetteln erscheinenden Kurse nicht immer der "rauhen Wirklichkeit" entsprechen.

Trotz der äußeren Eintönigkeit der Märkte gab es bei den Aktien einige bemerkenswerte Ereignisse. So ist jetzt endlich der Vergleich der IG-Farben-Liquidatoren mit Wollheim (und den jüdischen Organisationen) zustandegekommen. Er kostet 30 Mill. DM und wird nach etwa einem Jahr rechtskräftig. Erst dann wird auf Coupon 2 des IG-Liquis der begehrte Hüls-Anteil ausgeschüttet werden, Übrigens halten die Liquidatoren ihre schon immer vertretene Ansicht aufrecht, nach der eine Barausschüttung an die Liquis-Inhaber nicht in Frage, kommen wird, weil ein echter Liquidationsüberschuß kaum entstehen kann. Der Jahresabschluß der IG-Liquidation wird am 5. April der oHV vorgelegt werden. Dann sollen die Anteilscheininhaber ihre Zustimmung zum Wollheim-Vergleich geben. Außerdem werden sie etwas über den Interhandel-Komplex erfahren, wo sich bislang keinerlei für die Liquis-Inhaber positive Gesichtspunkte ergeben haben.

Für den Markt der Bankaktien hat die Dividende der Vereinsbank in Hamburg (12 v. H.) einige Anregungen gebracht, obwohl man noch nicht weiß, inwieweit diese Entscheidung die Dividendenpolitik der anderen Institute beeinflussen wird. Die Großbanken-Nachfolger haben schon etwas "Wasser in den Wein" gegossen, ohne jedoch damit die Hoffnungen ihrer Aktionäre auf einen bescheidenen Wiederzusammenschlußbonus ganz beseitigt zu haben. Mit Befriedigung hat die Börse die Nachricht von der gleichgebliebenen zwölfprozentigen Dividende der Metallgesellschaft zur Kenntnis genommen. Bei Ford scheint dagegen wieder nur eine bescheidene Dividende zu erwarten sein. Der Großaktionär will investieren und nicht ausschütten. Das mußte erwartet werden. Gegenüber der Vorwoche liegen die alten (118 v. H.) und jungen (III v. H.) Ford-Aktien um 5 bis 6 Punkte niedriger, über die NSU-Dividende herrscht noch Unsicherheit. Hoffnungen auf mehr als 10 v. H. sollen kaum realisierbar sein. -ndt