Wer etwas auf sich hält im roten Proletarierreich, der wird künftig unter gar keinen Umständen seinen Schlafanzug mehr auf Balkons, in Parks oder gar beim Einkaufen tragen. Nach der sowjetischen Anstandsfibel aus der Feder des Soziologen Nikolai Semjonowitsch Gordienko, die unlängst im Moskauer Staatsverlag erschien, ist nämlich ein solches Kleidungsstück nur noch zu Hause oder allenfalls in Badeanstalten und in Gemeinschaftsschlafräumen zulässig.

Über hundert Seiten füllt dieser neue Kodex des guten Benehmens, der den Sowjetbürgern zeigen soll, wie man "ein einwandfreier Kommunist und doch ein Gentleman" sein kann. Dazu gehört, daß er, der Sowjetmensch, nicht nur seinen Marx kennt, sondern auch weiß, wie man sich bei Tisch oder einer Dame gegenüber benimmt. Und so erfährt dann Iwan, daß er das Brot vom Laib zu schneiden und nicht, was – zugestandenermaßen – praktischer ist, einfach abzubeißen habe, und daß Tee aus der Tasse zu trinken ist und nicht etwa aus der Untertasse, in der er – zugestandenermaßen – schneller abkühlt.

Wie die Maschinenpistole zu halten sei, ob in Brusthöhe oder ein wenig tiefer – darüber erhält der Leser keine verbindliche Auskunft. Aber eine andere Waffe, nämlich das Schwert, spielt für den Sowjetbenimm doch eine wichtige Rolle. Weil nämlich die aristokratischen Altvorderen links von ihrer Dame gingen (um sie durch das Schwert nicht zu behindern) muß sich, laut Gordienkos strenger Anweisung, auch Iwan heute noch auf der linken Seite halten.

Die erste Auflage mit 21 000 Exemplaren war Innerhalb von vierzehn Tagen vergriffen. Ob die goldenen Regeln des guten und höflichen Benehmens in Zukunft nun wohl auch von denen beherzigt werden, die sie in der Vergangenheit so häufig verletzten? Ob wohl zum Beispiel Chruschtschow, von dessen Schroffheiten gerade westliche Besucher ein Lied zu singen wissen, jene Regel kennt, die da lautet: "Wem es darum zu tun ist, sich dauernde Achtung zu erwerben, wem daran liegt, daß seine Unterhaltung niemand anstößig, keinem zur Last werde, der würze nicht ohne Unterlaß seine Gespräche mit Lästerungen, Spott, Gehässigkeiten und gewöhne sich nicht an einen bissigen, höhnenden Toni Das kann wohl einigemal, und bei einer gewissen Klasse von Menschen auch öfter, gefallen; aber man flieht und verachtet doch in der Folge den Mann, der immer auf anderer Leute Kosten oder auf Kosten der Wahrheit die Gesellschaft vergnügen will, und man hat Recht dazu."

Chruschtschow kennt diese Regel gewiß nicht – selbst dann nicht, wenn eine Prachtausgabe des neuen Anstandsbuches schon auf seinem Kreml-Schreibtisch stehen sollte. Denn der sie – vor nunmehr 170 Jahren – niederschrieb, war ein berühmter Vorläufer des Nikolai Semjonowitsch Gordienko und hieß Adolph Freiherr von Knigge. h. g.