Von H. Niehaus

Der Bonner Volkswirtschaftler Professor Dr. Heinrich Niehaus, Direktor des Instituts für Agrarpolitik und Marktforschung bei der Landwirtschaftlichen Fakultät der dortigen Universitat, legt nach mehr als zwanzig Jahren des Forsehens, des Lehrens und des öffentlichen Wirkens eine Art Rechenschaftsbericht vor: "Leitbilder der Wirtschafts- und Agrarpolitik in der modernen Gesellschaft" (426S., Leinen; Preis 19,80 DM –Verlag Dr. Seewald, Stuttgart). In diesemBuch sind die wesentlichen Arbeiten von Niehaus seit 1934 zusammengefaßt, soweit sie die Probleme der freien Wirtschaftsordnung – auch in der Landwirtschaft! – und des europäischen Marktes behandeln. Im Vorwort, das wir hier im folgenden (mit kleinen Kürzungen) wiedergeben, hat der Autor seine grundsätzlichen Gedanken zudiesem Fragenkomplex sehr anschaulich und in einer temperamentvollen Weise niedergelegt: ohne Scheu vor "Bekenntnissen" persönlicher Art.

Es ist in diesem Buch zwar in der Hauptsache von wirtschaftlichen Dingen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Rede, aber die wirtschaftliche Seite des Lebens empfängt ihre letzte Beurteilung erst aus dem Gesamtzusammenhang des Kulturprozesses, Deshalb bin ich mir auch vollkommen klar darüber, daß ich meine Grundüberzeugung, die hinter allen diesen Beiträgen steht, nicht allein aus meiner Fachwissenschaft ableiten kann. Es läßt sich zwar zeigen, wo sich die praktische Wirtschaftspolitik in Widersprüche verwickelt, indem sie z. B. unvereinbare Ziele gleichzeitig verfolgt oder zur Erreichung ihrer Zwecke untaugliche Mittel wählt. Es gibt auf dem großen Experimentierfeld der Wirtschaftspolitik der letzten zwanzig Jahre kaum einen klugen Gedanken, der nicht geäußert, und fast keine Dummheit, die nicht gemacht worden ist. Daraus läßt sich eine Kunstlehre der Wirtschaftspolitik entwickeln und viel Anregung zu ihrer Rationalisierung schöpfen, aber man gewinnt daraus noch keinen Maßstab für die Strategie der Zukunft. Denn diese setzt eine Konzeption voraus, eine Gesamtschau oder eine Theorie: nicht als ein vom Leben abgezogenes farbloses Schema, sondern als konkretes Leitbild der organisierenden kraftvollen Vernunft, die Machiavelli "virtù" und Ortega y Gasset "vitale Vernunft" genannt haben.

Der fundamentale Gegensatz, in den ich mit den herrschenden Zeitströmungen geraten bin, liegt in dem unterschiedlichen Leitbild, das ich mir vom zukünftigen Menschen und im besonderen vom zukünftigen Bauern mache. Mein Ideal ist der möglichst freie individuelle Mensch, der durch die Risiken, die er eingeht, ständig in Form bleibt und seine überschüssige Energie für die öffentlichen Angelegenheiten in seinem engeren und weiteren Kreis zur Verfügung stellt. Das materielle Fundament dieses Typs ist das Eigentum, das, ideelle sind Begabung, Wissen und Können. Sie erhalten ihre moralische Berechtigung und zugleich ihre Bewährung aus dem ständigen Ringen mit dem Lebensschicksal.

Wer sich etwas mit der Geschichte der politischen Ideen beschäftigt hat, der wird nach dieser Auffassung leicht die Grundgesetze des Liberalismus erkennen. Die Liberalen von heute, die einen starken, aber in seinen Aufgaben begrenzten Staat fordern, der mit der modernen Privilegienwirtschaft aufräumt, finden ihre geistigen Ahnen nicht in den "Manchesterleuten" des 19. Jahrhunderts, sondern in den Revolutionären, die in den hundert Jahren von 1750 bis 1850 das feudale System und seinen Exponenten, den absoluten Staat, gestürzt haben. Wir sind, aus einer bitteren Erfahrung heraus, auch Gegner des alles durchdringenden totalen Staates, der sich in einer äußersten Pervertierung der Begriffe das Etikett "Volksdemokratie" zugelegt hat. Wir lehnen ihn ab, nicht weil er seine Wirtschaftlichen Probleme nicht lösen könnte, sondern weil er seinen Bürgern nicht genügend Spielraum zur Persönlichkeitsbildung läßt. Wir sind aber auch gegen den modernen Wohlfahrtsstaat, der jedem das Lebensrisiko abnehmen und einen hohen Lebensstandard garantieren möchte. Wenn man so die Staatsfürsorge, die für die Alten, Schwachen und Kranken ihre Berechtigung hat, auch auf die Masse der gesunden Staatsbürger ausdehnt, kommt man schließlich zur vollständigen "Stallhaltung" der menschlichen Rasse und zum Abbau aller vitalen Instinkte. So führt der Wohlfahrtsstaat genauso zur Reduzierung der menschlichen Persönlichkeit wie der totale Staat.

Außerdem, ist es eine Illusion, daß ein hoher materieller Lebensstandard die Menschen befriedigen und die "soziale Frage" lösen könnte. Mit ökonomischen Mitteln kann man wohl die "absolute", aber nicht die "relative" Armut beseitigen. Die Begehrlichkeit und der Neid werden immer größer sein als die Menge der verfügbaren Mittel. Die Umverteilung der Einkommen, die mit Hilfe von Indexzahlen vorgenommen wird, führt, wie genügend Beispiele zeigen, zur Verschlechterung des Geldwertes und zur Schädigung derjenigen Schichten der Bevölkerung, die nicht durch gut organisierte Sprechchöre den staatlichen Futtermeister unter Druck setzen können. Je sentimentaler der Staat im Schenken ist, desto rücksichtsloser ist er im Nehmen! Es war das Erstgeburtsrecht der Demokratie, der Exekutive nur soviel Mittel zu bewilligen, wie zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung unbedingt nötig waren. Wenn aber die Parlamente unter dem Druck der organisierten Begehrlichkeit dieAufgaben der Exekutive immer mehr erweitern, so müssen sie auch die finanziellen Mittel über entsprechende Steuergesetze bereitstellen. Der Arbeits- und Kapitalertrag des Staatsbürgers wird nicht nur in einem Maße beschnitten, wie es in der liberalen Epoche undenkbar war, sondern jeder einzelne gerät in die vollständige Abhängigkeit von mächtigen Bürokratien, die darüber entscheiden, was er zu zahlen hat und was er aus dem großen Topf wieder herausbekommt. In einem solchen Milieu werden die negativen Charaktereigenschaften des Menschen reingezüchtet: Verschlagenheit, Skrupellosigkeit, Rücksichtslosigkeit, engherziger Egoismus. Der Staat wird seiner Würde entkleidet und zum "Fiskus" degradiert, der Beamte verliert das Vertrauen und wird zum "Bürokraten", der politisch Beauftragte mit eigener Verantwortung wird zum "Funktionär". Das ist die Fasson, in der die Menschen in den säkularisierten Paradiesen in Ost und West glücklich werden.

Es ist nicht die Aufgabe eines Sozialökonomen, zu zeigen, wie man aus dem Dilemma zwischen der Unterdrückung und der Entleerung der Persönlichkeit herauskommen soll. Aber ich bin der Meinung, daß auch im Bereich der Wirtschaft ein unmittelbarer Ansatzpunkt gefunden werden könnte, indem man die Staatsaufgaben und -ausgaben begrenzt und das private Risiko wieder voll in seine Funktion einsetzt. Es sind die anonymen Kräfte des "Marktes", die wetterwendisch dauernd auf die ökonomische Haut in Form des Wettbewerbs einwirken. Aber da der Mensch allem Materiellen tief verhaftet ist, ohne daß er darin aufgehen darf, erwachsen ihm aus dem glücklich errungenen Erfolg Selbstachtung und Lebensfreude, während der Mißerfolg, aus der Zuversicht heraus, daß es das nächste Mal besser gelingen wird, mit Gleichmut ertragen wird. Menschen solcher Gesinnung verlangen vom Staat keine Subventionen, hohen Zölle, nicht den Ausgleich von Einkommensdisparitäten, aber sie verlangen mit Recht, daß sich in die Anonymität des Marktes nicht kleine und große Piraten einschleichen, die durch List oder Macht das Gesetz des Zufalls so außer Kraft setzen, daß die Treffer nur auf ihrer Seite liegen. Um das zu verhindern, bedarf es einer guten Rechtsordnung, einer sauberen Verwaltung und unabhängiger Gerichte. Gerechtigkeit in den Spielregeln durch Abbau ökonomischer Machtpositionen und die heilsame "Drucktherapie" des Wettbewerbs sind die Voraussetzung für die vollwertige Einzelpersönlichkeit im Wirtschaftsleben.