Von Richard Bremer

In der kurzen Zeitspanne von 1952 bis heute sind in Mitteldeutschland. 6273 landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gebildet worden, so daß heute je sechs von zehn Dörfern zu einer solchen Kolchose gehören. Diese Produktionsgenossenschaft – sie werden LPG abgekürzt – arbeiten nach sowjetrussischem Muster und sind als Schrittmacher der Sozialisierung der Landwirtschaft gedacht. Sie sind der Hauptteil des "sozialistischen Sektors", zu" dem außer ihnen die "volkseigenen" (staatlichen oder kommunalen) Güter und die "sonstigen öffentlichen Betriebe" gehören, Höfe also, deren Besitzer geflohen sind. Der "sozialistische Sektor" umfaßt rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Sowjetzone. Noch überwiegt bei weitem der Privatbesitz. Daß der "sozialistische Sektor" nicht so schnell wächst, wie es geplant war, wird dadurch bestimmt, daß die qualifizierten Fachkräfte fehlen, die man als "Agronomen" und "Brigadiere" in die leitenden Stellen der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften setzen könnte. Aber das Ziel bleibt unverrückbar. Auf weite Sicht wird erstrebt, daß ein neues Siedlungssystem entstehen soll. Noch sind die Dörfer Mitteldeutschlands so wie alle deutschen Dörfer. Nach den neuen Plänen jedoch werden sich ihr äußeres Bild und ihr inneres Wesen derartig ändern, daß sie dann eine andere Kultur als die deutsche verkörpern.

Das Siedlungssystem der Zukunft kennt nach den im Auftrage der Regierung der DDR ausgearbeiteten Planung drei Dorftypen, nämlich Dörfer, Hauptdörfer und MTS-Dörfer. Im Einzugsbereich eines MTS-Dorfes werden mehrere Hauptdörfer und im Einzugsbereich eines Hauptdorfes mehrere Dörfer liegen. Die zentrale Stellung in diesem System wird also den MTS-Dörfern, den Maschinen-Traktoren-Stationen, den Maschinendörfern zugewiesen. Um das Gewicht dieser Dörfer in seiner ganzen Tragweite zu erkennen, muß man wissen, daß es in der Sowjetzone einem privaten Bauern unmöglich ist, einen Schlepper zu kaufen. Es befinden sich unvorstellbar wenige Trecker im Privatbesitz, und sie stammen günstigenfalls aus dem Jahre 1944, sind also zwölf Jahre alt. Aber auch die LPG sollen keine Zugmaschinen und Großgeräte besitzen. Diese bleiben vielmehr den MTS vorbehalten: sie sollen die Maschinenarbeit für alle leisten. "Ende 1960 werden die Maschinen-Traktoren-Stationen rund achtzig Prozent der Bodenbearbeitung und der Ernte durchführen", verkünden die Propagandaschriften. So sei es im zweiten Fünfjahresplan vorgesehen, und man könnte heute schon sagen, daß die Durchführung gesichert sei.

Aber man erfaßt das Wesen der MTS nicht, wenn man sie rein wirtschaftlich sieht. Sie haben nicht nur die Aufgabe, die Landwirtschaft zu revolutionieren, sondern auch den politischen Zweck, sie zu sozialisieren. Ihre Direktoren und Traktoristen sind gleichzeitig politische Funktionäre und bürgen der Partei für die Durchsetzung der agrarpolitischen Ziele der SED. Der Ackerschlepper wird zur Zugmaschine des Sozialismus. Damit der private Bauer im Laufe der Zeit "untergepflügt" werden kann, werden von den Fabriken der Sowjetzone keine Landmaschinen für Klein- und Mittelbetriebe hergestellt, sondern nur die großen Typen, die für die MTS bestimmt sind. Damit wird der Bauer von den MTS abhängig. Für deren Arbeit aber zahlt er höhere Tarife als die LPG, und zwar um so höhere, je höher die Größenklasse, in die sein Betrieb fällt.

"Träger der Entwicklung des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens auf dem Lande ist die MTS. Daher wird das Dorf, in dem sich eine MTS befindet, eine weit größere Bedeutung haben als die übrigen Dörfer", heißt es in dem Entwurf der sowjetzonalen Deutschen Bauakademie. Die MTS-Dörfer werden nicht nur die Maschinenhallen, Reparaturwerkstätten und das Verwaltungsgebäude bekommen, sondern außerdem Sitz des Landkrankenhauses, der landwirtschaftlichen Berufsschule und anderer Einrichtungen zentralen Charakters werden.

Das gewöhnliche Dorf bekommt eine Grundschule für das erste bis vierte Schuljahr, einen Kindergarten, einen Sportplatz, das Dorfwirtschaftsgebäude und das Verwaltungshaus; das Hauptdorf darüber hinaus die Zentralschule für das vierte bis achte Schuljahr, das Kulturhaus und zentrale Verkaufsstellen; sozialistische natürlich. Man muß sich dabei vergegenwärtigen, daß die LPG die Fluren bewirtschaftet. Darüber hinaus muß man mit der Vorstellung brechen, die Dörfer bestünden aus landwirtschaftlichen Gehöften. In den neuen Dörfern gibt es keine selbständigen Gehöfte mehr. "Meine Kühe, deine Kühe stehen nun im gleichen Stall" heißt es in einem Loblied auf die LPG. Man wird den Wohnbereich und den Wirtschaftsbereich des Dorfes völlig voneinander trennen. Auf der einen Seite befinden sich die Wohnhäuser oder auch nur ein einziges großes Wohnhaus nach Art großstädtischer Wohnmaschinen, und auf der anderen das Vorratshaus der Genossenschaft, das Wirtschaftshaus, flankiert von Milchviehstall und Schweinestall, und dahinter schließen sich der Jungviehstall, der Geflügelhof sowie der Schafstall an.

Das ist kein Bauerndorf mehr, sondern das ist eine Siedlungsform des Großgrundbesitzes. Die DDR hat den alten, Großgrundbesitz vernichtet und dafür den neuen der Kolchosen herangezüchtet, dessen Gesamtfläche schön heute ebenso groß ist. Die Leistungen jedoch sind sehr viel geringer. Ulbricht hat sich vor kurzem bitter darüber beklagt, daß Arbeitsmoral und Arbeitsdisziplin schlecht in den LPG seien. Ihr Leistungszustand müsse wenigstens auf denjenigen der mittleren Bauernbetriebe gebracht werden. Tatsächlich bleiben die Einkünfte der LPG-Mitglieder weit hinter den Einkommen der selbständigen Kleinbauern zurück. Kein Wunder, denn die Kraft des Bauern liegt im Eigentum, in der Selbstverantwortung und in der Privatinitiative, nicht im Kollektiv. Sie liegt in der Familienwirtschaft, denn ein Bauernhof ist nichts anderes als die Verbindung von Boden und Familie zu einer Einheit, oft durch Generationen. Die LPG – "Dörfer der Zukunft" entwurzeln die Familie. Die gewaltigen Fortschritte, die unsere Landwirtschaft seit hundertfünfzig Jahren gemacht hat, hatten zur Grundlage die Beseitigung von Fesseln und Hemmungen. Der Flurzwang wurde aufgehoben, die Gemeinschaftsweide abgeschafft, die Almende aufgeteilt und das Land in Einzelbesitz übergeführt. Die Leibeigenschaft wurde beseitigt: der freie Bauer stand auf freier Scholle. Die LPG führen eine neue Art von Leibeigenschaft wieder ein. Sie beherrschen das Dorf, die MTS beherrschen die LPG, Pankow beherrscht die MTS, und Moskau beherrscht das Ganze.

Für diese politische Sicherung der kommunistischen Herrschaft bezahlen die Sowjet-Machthaber gern mit den wirtschaftlichen Nachteilen des Kollektivismus. Wer Realist ist, sieht voraus, daß die "Dörfer der Zukunft" Elendsdörfer werden. Bis auf die paar Potemkinschen Dörfer, die man dann Besuchern vorführt.