Von Hedda Westenberger

Bozen, Mitte Februar

Je nach dem Wind schiebt sich an gewissen Tagen der Rauch der vielumstrittenen und insofern zum "Problem Südtirol" gehörigen Industriezone als dicker Schwaden über die südöstlichen Stadtteile von Bozen. Dieses Bild schwarzen Rauches steigt vor einem auf, wenn man die politische Situation betrachtet, die sich aus der Entdeckung der Sprengstoffattentäter ergeben hat. Ein dicker Schwaden hängt über dem Land und zieht sich nun schon von Rom bis Wien und von Wien via Innsbruck wieder nach Rom. Warum aber so ein Schwaden daraus geworden ist, entzieht sich der Begreifensmöglichkeit der Südtiroler Bevölkerung von Tag zu Tag mehr, und selbst in jenen Kreisen der Intellektuellen, die nun die Diskussion führen, beginnt man, den eigentlichen Brennpunkt aus dem Auge zu verlieren.

Es ist aber wesentlich, dies festzuhalten: Es gab eine Reihe von Sprengstoffattentaten, 16 Südtiroler wurden verhaftet, 14 davon in Haft behalten; von diesen 14 waren einige geständig, und allem Anschein nach hat man es mit einer terroristischen Gruppe zu tun.

Im heftigen Widerstreit der Meinungen, der daraufhin entbrannte, wurde eines sofort sichtbar: daß sich ganz Südtirol in der Ablehnung solcher Terrorakte einig war – uneinig aber in der Frage nach der "letzten Schuld" und "letzten Verantwortung". Doch hätte, wäre nun nichts mehr passiert, die allseitige Heftigkeit wohl bald einer abwartenden Zurückhaltung Platz gemacht: dem gerichtlichen Verfahren gegen die Attentäter wäre das entscheidende letzte Wort zugefallen. Aber da griffen nun das deutschsprachige Ausland und vornehmlich österreichische Sprecher aus dem Lager der SVP ein. Und nun ging es um die ganze Problematik Südtirols. Aufsehen erregte vor allem eine Rede des österreichischen Unterstaatssekretärs Professor Gschnitzer, der zugleich Präsident des Berg-Isel-Bundes ist. Er verwies auf die ethnische Grenze, die bei Salurn verlaufe, und zog den Begriff von der "Volkstumsgrenze" heran. Er erklärte, es gebe daher für Italien nur zwei Lösungen: entweder den Pariser Vertrag restlos zu erfüllen, so daß die Südtiroler im italienischen Staatsgefüge leben könnten, "als wenn sie bei Österreich verblieben wären", oder Südtirol freizugeben. Er stellte also die Brennergrenze als solche in Frage und damit zugleich den auf ihrer Anerkennung beruhenden Pariser Vertrag.

Die Regierung in Rom nahm diese Rede eines österreichischen Unterstaatssekretärs nun keineswegs als die unverbindliche Äußerung eines Privatmannes hin, sondern horchte verstimmt auf und ließ durch Unterstaatssekretär Confalonieri scharf erwidern. Gleichzeitig hielt sie die bereits fertiggestellte Antwort auf das österreichische Memorandum nun zurück und fragte am Ballhausplatz an, wie sich die österreichische Regierung zur Rede Gschnitzers stelle. Die Antwort, die sehr schwierig sein dürfte, steht zur Stunde noch aus – aber in jedem Fall sind nun die gerade angelaufenen gütlichen Verhandlungen der beiden Vertragspartner vorerst zum Stillstand gekommen.

Nicht aber zum Stillstand kam es in Südtirol. Denn mitten hinein in den neuentfachten Meinungssturm, diesmal über die Rede Gschnitzers, platzte die Nachricht von der Verhaftung des Chefredakteurs der "Dolomiten", Dr. Friedl Volgger. – Daß dies geschehen würde, war für viele Eingeweihte keine wirkliche Überraschung. Überraschend war und ist jedoch, daß der Staatsanwalt mit keiner Silbe verlauten läßt, warum Dr. Volgger verhaftet wurde, ob er wirklich, wie die Fama raunt, der Teilnahme an den Versammlungen der Terroristen und insofern der Mitschuld an den Attentaten verdächtigt wird oder ob man ihm anderes zur Last legt. Schon erhoben sich Stimmen in der österreichischen Presse (an ihrer Spitze Fritz Molden), die wilde Vorwürfe gegen die italienischen Maßnahmen erhoben und unter anderem fragten, "ob es sich noch verantworten lasse, die Südtiroler Landsleute dem Terror italienischer Carabinieri zu überlassen und "ob es nicht notwendig sei, dieselbe UNO-Polizei in Bozen einzusetzen, die man in Ägypten eingesetzt habe". Des weiteren protestierte die Vereinigung der österreichischen katholischen Journalisten gegen die Verhaftung als "einen Eingriff in die Pressen freiheit" und forderte die italienischen Kollegen auf, ein Gleiches zu tun. Freilich mit dünnem Erfolg. Unnötig zu sagen, daß mit alledem in beiden Lagern neue Hitze erzeugt wurde, ganz dazu angetan, Heißspornen unter den Südtirolern glauben zu machen, die "große Befreiungsstunde" habe geschlagen.