Von K. L. Herczeg

Paris, im Februar

Die wirtschaftliche Entwicklung der überseeischen Besitzungen der Französischen Union litt von Anfang an unter dem Mangel an Kapital und an einem umfassenden Konzept. Nach 1945 mußten vor allem Budgetmittel eingesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt zwang jedoch die politische Entwicklung bereits zu einem scharfen Tempo beim Ausbau der Sozialgesetzgebung und der Besserung des Lebensstandards, um das vorher Versäumte nachzuholen. In diesem Wettlauf, den das Vordringen des Kommunismus in Asien und des Nationalismus in Nordafrika diktierten, erwies sich jedoch, daß die wirtschaftliche Kraft des in zwei Weltkriegen ausgebluteten Mutterlandes allein nicht mehr ausreicht.

Frankreichs Aufgabe bestand darin, ein Höchstmaß an produktiven Investitionen zu erreichen. Dabei mußte eine Erfahrung in Kauf genommen werden, die in den Diskussionen über die Entwicklung unterversorgter Räume allzuoft übersehen wird: Eine Produktionsanlage in solchen Ländern erfordert ein dichtes Netz von nicht direkt produktiven Investitionen, wie Straßen, Brücken, Hafenanlagen, Nachrichtenverbindungen, Flugplätzen und Energiewerken, die die Kosten der Produktionsanlagen um ein Vielfaches übertreffen. Die Bedeutung dieser Entwicklungsausgaben, für die auch der neue Modebegriff "Infrastruktur" verwendet wird, veranschaulicht die folgende Übersicht: Von den öffentlichen Mitteln, die den überseeischen Teilen der Französischen Union nach dem zweiten Weltkrieg im Rahmen des FIDES (Fonds d’investissement des territoires d’outre-mer für Westafrika, Äquatorialafrika, Madagaskar, Kamerun, Togo, Neukaledonien, Somali und die inzwischen abgetretenen indischen Besitzungen) und des FIDOM-Programms (für die überseeischen Departements Guadeloupe, Martinique, Guayana und Réunion) 1946 bis 1954 in Höhe von 460 Mrd. ffrs zuflössen, diente nur ein Fünftel unmittelbar produktiven Investitionen mit Schwergewicht in der Land- und Forstwirtschaft. Die Infrastruktur im engeren Sinn verschlang 47 v. H., zwei Drittel davon wurden für Straßen, Brücken, Häfen, der Rest für das Eisenbahnnetz, das Nachrichtenwesen, die Luftfahrt und für die Schiffbarmachung von Flüssen verwendet. Hinzu kommen die Sozialausgaben mit 15 v. H., die Energiewirtschaft mit 11 v. H. und der zentrale Planungsapparat mit rd. 6 v. H. der Gesamtmittel.

Nordafrika, geographisch näher, nahm infolge der dort ansässigen französischen Siedler eine andere Stellung ein als das "schwarze" Afrika und die übrigen Kolonien. Die hier durch das Mutterland aus Kapitalmarktmitteln und Budgetgeldern finanzierten Investitionsausgaben übertreffen daher seit je die an die übrige Union gewährten Summen. 1949 bis 1953 erhielt Nordafrika insgesamt 593 Mrd. ffrs, davon gingen 283 Mrd. an Algerien, 222 Mrd. an Marokko und 88 Mrd. an Tunis. Das Kultur- und Sozialbudget erforderte 25 v. H., die Energiewirtschaft 20 v. H., die Bewässerung 15 v. H., der Straßenbau und das Eisenbahnwesen 10 v. H., die geologische Forschung 4 v. H., der Verwaltungsaufwand 3 v. H., während die unmittelbar produktiven Investitionen wiederum in der Landwirtschaft konzentriert wurden. Als Erfahrungszahl ergab sich dabei, daß die Aufrechterhaltung des Schul- und Sanitätswesens jährlich ein Fünftel der ursprünglichen Anschaffungskosten verschlingt. Der weitaus überwiegende Teil dieser öffentlichen Gelder wurde in Form von 1 1/2prozentigen 25jährigen Anleihen zur Verfügung gestellt, im Gegensatz zu den übrigen Kolonien, wo die direkten Subventionen im Vordergrund stehen.

Die heutige Last des Mutterlandes läßt sich daraus erkennen, daß es 1955 rd. 180 Mrd. ffrs (1954 199 Mrd.) der wirtschaftlichen Entwicklung der Kolonien zur Verfügung stellte, das sind zwar nur 5 v. H. des Budgets in Höhe von 3820 Mrd. ffrs, jedoch 22 v. H. aller staatlichen Investitionsausgaben. Hinzu kommen weitere 140 Mrd. ffrs für die militärischen Ausgaben in Übersee, abgesehen von den außergewöhnlichen Zuwendungen für die Kriegführung in Nordafrika und die Liquidierung in Indochina, sowie 21 Mrd. ffrs Zuschüsse für den überseeischen Verwaltungsdienst, das sind zusammen 341 Mrd. ffrs oder 9 v. H. des Staatshaushaltes. Im Budget 1956/57 sind aber bereits 170 Mrd. ffrs an Stationierungskosten in den Kolonien und 350 Mrd. für den Krieg in Algerien vorgesehen. Rechnet man noch die Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung in Höhe des Vorjahres hinzu, so entsprechen die rd. 700 Mrd. ffrs dem voraussichtlichen Budgetdefizit.

Diese Bürde ist. auch in der Zahlungsbilanz zu erkennen. Die währungsmäßige Symbiose mit dem Kolonialreich zwingt das Mutterland, Defizite zu decken. Global gesehen waren die Kolonien in den letzten Jahren immer defizitär. Für 1952 ergab sich ein Zahlungsbilanzdefizit von 67 Mrd. ffrs und für 1953 von 103 Mrd., 1954 waren es 68 Mrd. und 1955 195 Mrd. – oder allein für diese zwölf Monate runde 550 Mill. $. Die starken Schwankungen sind vor allem auf die Konjunkturempfindlichkeit der überseeischen Monokulturen zurückzuführen. Stabilisierungskassen für Baumwolle, Kaffee, Kakao und Kopra sind erst jüngeren Datums. Im Zeitalter der Inkonvertibilität – deren Ende sich gerade für die unter schweren Strukturstörungen leidende französische Wirtschaft noch gar nicht absehen läßt – ist die währungsmäßige Verzahnung für die Kolonien von ungleich größerem Wert als für das Mutterland, das nach den Zahlungsbilanzüberschüssen von 262 Mrd. ffrs in 1954 und von 602 Mrd. ffrs in 1955 im vergangenen Jahr wieder mit einem Devisenabgang von rund 600 Mill. $ aufwartete. Das Vorhandensein des zentralen Devisenpools in Paris, in dem immerhin noch 1,4 Mrd. $ stecken, erklärt auch, warum Tunis und Marokko die errungene Selbständigkeit bisher nicht zum Absprung aus der Franc-Zone benutzten ...