Der Aufstieg von Phoenix aus einer "abbruchreifen Bude" zu einem der größten Stahl- und Röhrenerzeuger der Bundesrepublik ist ungebrochen weitergegangen. Die Phoenix-Rheinrohr AG Vereinigte Hütten- und Röhrenwerke, Düsseldorf, legt ihrer oHV am 27. Februar einen nicht nur in der Aufmachung, sondern auch dem Inhalt nach vorbildlichen Jahresbericht vor. Ergänzt durch eine aufgeschlossene Pressekonferenz, die der Vorsitzer des Vorstandes, Dr. h. c. Fritz-Aurel Goergen, abhielt, ergibt sich ein Bild, das nicht nur das Unternehmen in der Gegenwartslage charakterisiert, sondern das auch "einiges drumrum" von grundsätzlichem Charakter zeigt.

Es handelt sich um drei Dinge, die außerhalb des üblichen Zahlen- und Berichtsmaterials Betrachtung und Kommentierung erfordern. Die Phoenix-Rheinrohr-Gruppe ist durch die Entflechtung ihrer Kohlenbasis beraubt worden. Der Brennstoffbedarf muß zu einem weit über Ruhr-Durchschnitt liegenden Volumen aus Übersee herangeholt werden. Der Kohlenpreis der Überseekohle, den die Hütte zu zahlen hat, bis die Kohle vor den Ofen liegt, besteht nur noch zu einem Viertel aus dem eigentlichen Kohlenpreis ab Zeche, dagegen zu drei Vierteln aus Fracht- und Umschlagkosten. Bei einem voraussichtlichen Jahresbedarf von rund 700 000 t US-Kohle und einem um 85 v. H. erhöhten Heizölbedarf ist es geradezu fast zwangsläufig, daß sich der Hüttenkonzern einen eigenen Seeschiffspark zulegt. So hatte Phoenix schon vor längerer Zeit der Hamburger Blohm & Voß AG ein 10-Mill.-DM-Wiederaufbaudarlehen mit der Bedingung zur Verfügung gestellt, daß die Helgen der neuerstellten Werft für Phoenix-Aufträge freigehalten würden. Die ersten zwei Massengutfrachter für Phoenix werden in den nächsten Wochen fertig. Zwei weitere von je 15 000 t sind bereits bestellt. Schiff Nr. 5 und 6 von je etwa 20 000 t sind in Planung. Ob Phoenix – Erz- und Kohlefrachter von etwa 40 000 bis 50 000 t in Auftrag geben werde, wurde gefragt. Goergen sagte: Nein. Man werde sie zwar bauen können, aber man müsse sich noch bescheiden, weil die Transportwege vom Seehafen bis zu den Werkanlagen den reibungslosen und schnellen Abfluß derartiger Mengen noch nicht gewährleisten würden. Es seien auch noch nicht ausreichende Lösch - und Umschlageinrichetungen in den Häfen da, um derartig große Massengutfrachter beschleunigt zu leeren. Sodann fehle die entsprechende Vergrößerung des Kahnraumes für die Binnenwasserstraßen und eine Erweiterung und Verbesserung der Hafenanlagen im Duisburger Raum. Hier wird also genau gezielt auf jenen Engpaß hingewiesen, der sich mehr und mehr auftut und eines Tages konjunkturgefährdend werden kann, wenn nicht in den nächsten Jahren wirklich energische Bauvorhaben auf dem Gesamtgebiete des Verkehrs- und Umschlagwesens erfolgen.

Von allgemeiner Bedeutung ist außerdem folgender Satz im Jahresbericht: Die stärkere Ausnutzung der Exportchancen war – eine notwendige Folge der von Verbraucher und Regierung an die deutsche Stahlindustrie herangetragenen Forderung, die Inlandspreise solange wie möglich auf dem niedrigen Niveau zu halten.

Die deutschen Stahl- und Blechpreise sind um 50 bis fast 200 DM je t niedriger als die entsprechenden Preise der Montan-Unions-Länder. Fritz-Aurel Goergen erklärte: Die Stabilität am innerdeutschen Stahlmarkt entspreche zwar überwiegend der sehr guten Nachfragekonjunktur. Sie sei aber auch mit dadurch beeinflußt, daß die westdeutschen Stahlwerke schärfer in den Export gehen müßten, um mit diesen Exporterlösen die Verteuerungen auf der Material – und Lohnseite hereinzubekommen. Eine gewisse Verknappung der Inlandsversorgung müsse in Kauf genommen werden, wenn man weiter auf dem Standpunkt der nicht nur stabilen, sondern auch niedrigen Stahlpreise bestehe. Infolgedessen habe sich die eigentümliche Situation ergeben, daß zur Aufrechterhaltung des Inlandpreisniveaus die deutschen Eisen- und Stahlproduzenten einen größeren Anteil ihrer Erzeugnisse mit weit höheren Preisen exportieren mußten, während umgekehrt die Weiterverarbeitet (aus Mangel an deutschem Angebot) ihrerseits einen beträchtlichen Anteil ausländischer Eisen- und Stahlerzeugnisse zu den hohen Importpreisen hereinnahmen. Eine solche ,,negative Stützung" des Preisniveaus auf dem Inlandmarkt lasse sich aber bei einem grundsätzlich freien Markt nur begrenzt durchführen.

Und noch etwas anderes gibt Anlaß zu einer grundsätzlichen Bemerkung. Phoenix weist diesmal in seiner Bilanz die Pensionen nicht mehr gesondert aus. Sie sind im Sammelsurium Rückstellungen von 233 (218) Millionen DM untergegangen. Es mag sein, daß dahinter eine richtige Überlegung steht, nämlich durch Hinweis auf einen Pensionsfonds in fast gleicher Höhe wie das Aktienkapital (207 Mill. DM) die Begierde gewisser Kreise nicht auch noch anzustacheln. Wir haben in den vergangenen Jahren wiederholt an dieser Stelle vor dem u. E. übertriebenen Sozialluxus der Stahlindustrie gewarnt. Es war umsonst. Die Unternehmerseite sieht In dem Pensionsfonds vorerst nur ein prachtvolles Mittel, niedrig verzinstes "Eigenkapital" zur Verfügung zu haben, um Investitionen mit zu finanzieren. Niemand aber sollte sich einer harmlosen Vorstellung hingeben, es bliebe alles beim alten. Gewerkschaften und sozialistische Wirtschaftswissenschaften beginnen bereits die ersten Vorhutgefechte auf diese Fonds. Sie erheben Anspruch auf deren Verwaltung, und konstruieren ein neues Mitbestimmungsrecht im Betrieb kraft des im Betrieb arbeitenden "und der Belegschaft gehörenden Pensionskapitals". Neben dem AK mit seinem HV-Stimmrecht züngeln aus dem "Sozialkapital" die ersten Flammen eines neuen Feuers gegen die Struktur der unternehmerischen Wirtschaftsformen auf. Die Unternehmen sollten sich daher bereits heute energisch überlegen, ob es wirklich noch Sinn hat, die Pensionsfonds in der munteren und forschen Weise weiter hochzupäppeln wie bisher, denn man päppelt sich u. U. eine neue Machtgruppe heran, die willens ist, die Eigentümerrechte und den unternehmerischen Spielraum, der in der Mitbestimmungsindustrie überhaupt noch verblieben ist, weiter einzuschränken.

In der Montanindustrie hat die Arbeitnehmerseite sowieso schon 50 v. H. Mitbestimmung, Wenn jetzt neben dem normalen Aktienkapital der vielfach in gleicher Höhe vorhandene Pensionsfonds ein gleiches Stimmrecht in der HV bekommt (wie angestrebt wird), dann bedeutet dieses geschlossen auftretende Stimmrecht die Majorisierung jeder HV und jeder Verwaltung durch die Funktionäre der Arbeitnehmerschaft. Es wäre also durchaus die Frage berechtigt, ob es richtig gewesen ist, daß z. B. auch Phoenix in diesem Jahr um weitere 10 v. H. aufgestockt hat. Es wäre zu prüfen, ob die weitere Verstärkung der Pensionsfonds nicht überhaupt zurückgestellt werden müßte, bis Klarheit über jene neuen Absichten der Gewerkschaftsseite besteht.

Diese drei Dinge halten wir für wesentliche Merkmale, die beim Betrachten des vorzüglichen Jahresberichtes der Phoenix-Rheinrohr-Gruppe erkennbar werden.