Rundfunksendungen nach dem Ausland müssen Propaganda sein." Dieses beängstigend stupide Argument hörte man bisher vor allem von den Gegnern des Rundfunk-Auslandsdienstes, die damit begründen wollten, warum sie solche Sendungen ablehnen? "So was höre ich doch nicht – alles nur Propaganda."

Die größte Rundfunkorganisation für Auslandssendungen ist noch immer die Londoner BBC. Täglich werden über Mittel- und Kurzwelle, zum Teil auch über UKW, Programme in beinahe fünfzig verschiedenen Sprachen gesendet – darunter ein Abendprogramm in deutscher Sprache. Nach diesem "Deutschen Dienst der BBC" zu urteilen, der von den Schotten Lindley Fraser geleitet wird, zeichnen sich die Auslandsprogramme der British Broadcasting Corporation durch Zuverlässigkeit der Nachrichten aus, durch Objektivität der Kommentare, durch Intelligenz, Weltoffenheit, Humor und großes technisches Können. Tausende begeisterter deutscher Hörer, vor allem auch in der Sowjetzone, sind dafür dankbar, wenn die Arbeit der BBC dadurch unterstützt wird, daß die Bundesregierung die Benutzung technischer Anlagen auf deutschem Boden gestattet.

Nun aber droht die Suez-Neurose nachwirkend sogar die BBC zu erschüttern. Zu keiner Zeit waren britische Regierungsstellen so unwillig, auch die Ansicht der Opposition hören zu lassen. Dabei war doch gerade damals für das gesamte Ausland mit der einzigen Ausnahme von Frankreich das Prestige Großbritanniens bei der Opposition in besseren Händen als bei der Regierung. Die BBC hat sich ein Verdienst erworben, als sie ihren Hörern in aller Welt mitteilte, daß es auch in England Leute gab – darunter eine Elite der Universitätsprofessoren, der Erzbischof von Canterbury, die Führer der Labour Party, Zeitungen vom Rang des Manchester Guardian und des Observer –, die die Auffassung vertraten, daß die britischen Bomben schwerer als Port Said das Ansehen Großbritanniens in der Welt getroffen hätten.

Die britische Regierung war anderer Ansicht. Das ist ihre Sache. Nicht mehr nur ihre Sache ist es, daß sie seitdem auf die Direktoren und Abteilungsleiter der BBC starken Druck ausübt und sie zu parteiischer Auswahl ihrer Nachrichten und vor allem ihrer Kommentare in den Auslandssendungen veranlassen möchte.

Ein Mann, der seine ganze Karriere der BBC verdankt, die ihn angestellt hatte, damit er jeden Morgen den Hörern gute medizinische Ratschläge geben möge – der "Radiodoktor" Charles Hill, wurde mit Vollmachten ausgestattet, die denen eines ausgewachsenen Propagandaministers in manchem schon bedrückend ähnlich sehen. Im offiziellen Sprachgebrauch wird seine Aufgabe als "Koordinierung der Regierungsinformationen" bezeichnet; dabei hat er den Rang eines Kabinettsministers.

Wo solche "Informationen" einseitig sind, indem sie alles, was die Regierung für richtig hält, in vollen Akkorden ausposaunen, jedoch alles, was der Regierung gegen den Strich geht, gar nicht erst anklingen lassen –, da werden siePropaganda, und zwar schlechte und primitive Propaganda. Ein abschreckendes Beispiel gab die "Stimme Großbritanniens" in Zypern, ein regierungsamtliches Konkurrenzunternehmen zur BBC. dessen Sendungen ein dunk’es Kapitel sind in der bisher so ruhmreichen Geschichte des englischen Rundfunks.

Es gibt im Nachrichtenwesen, in Presse und Rundfunk eine Schule, die von den Vorzügen der einseitigen Berichterstattung überzeugt ist. "Nur keine Kritik", lautet ihre Devise: "Hörer und Leser wollen glauben, nicht denken", heißt ihre Begründung. Zunächst trifft das für einen erschreckend großen Teil dieser Hörer und Leser wahrscheinlich sogar zu. Daß es auf die Dauer nicht stimmt, dafür haben gerade die BBC und die großen englischen Zeitungen Beweismaterial genug geliefert.