Wenn Kommunisten wirtschaftlich ihre Karten aufdecken, tun sie es ganz gewiß nicht aus Wahrheitsliebe. Wenn der Chef der staatlichen Plankommission in der Sowjetzone, Bruno Leuschner, jetzt zum zweiten Male innerhalb weniger Wochen, diesmal vor dem Zentralkomitee der SED, eine für materialistische Dialektiker ungewöhnlich offenherzige und fast erbarmungslose Bilanz der Lage im deutschen Satellitenstaat der Sowjets gezogen hat, so darf man darin die offizielle Bestätigung für die landläufige Überzeugung sehen: das Zonenregime befindet sich gegenwärtig in der schwersten wirtschaftlichen Belastungsprobe seit seinem Bestehen. Wer anläßlich der Grünen Woche in Berlin Gelegenheit hatte, den alle Erwartungen übersteigenden Massenstrom von Ost-Besuchern zu beobachten, konnte schon daraus auf die starke psychologische Belastung schließen, der die Zonenbevölkerung gegenwärtig infolge der völlig unbefriedigenden wirtschaftlichen Lage ausgesetzt ist. Wahllos herausgegriffene und unbeeinflußte Besucher faßten ihre Meinung überraschend einhellig in die Formulierung: schlechter als in dem grauenvollen Nachkriegswinter 1946/47!

Diese subjektive Feststellung entspricht verständlicherweise nicht völlig den sachlichen Gegebenheiten, ist aber psychologisch aufschlußreich. Die objektiven Angaben Leuschners und die Folgerungen, die er daraus gezogen sehen möchte, verdeutlichen das Bild einer so vielfältigen Zwangslage und mindestens augenblicklichen Ausweglosigkeit, daß der Vergleich mit dem zweiten Nachkriegswinter naheliegt. Sein Appell an die Spitzenfunktionäre, sich von "übertriebenen Vorstellungen und Illusionen frei zu machen, die vielleicht in schönen Planzahlen ihren Niederschlag finden könnten, aber keine Wirklichkeit sind", ist nur der zurückhaltende Auftakt zu einer Bilanz, die fast ausschließlich aus roten Zahlen besteht. Zu wenig Kohle und Energie, bei aller Bescheidenheit unerfüllbare Investitionspläne, gesteigerte Bauprogramme mit vermindertem Material, verringerte Importe und massenhaft steckengebliebene Produktionserweiterungen, erhöhter Geldumlauf bei sinkendem Warenangebot – das sind nur wenige Posten einer so negativen Bilanz, wie sie das Regime in solcher Vollständigkeit bisher noch nie veröffentlicht hat. G. G.