r. sg., Berlin

Am 31. Oktober 1956 faßte der Vorstand des Verbandes der Kühlhäuser und Eisfabriken e. V. in Hamburg einen beispielhaften Beschluß: Der vakant gewordene Geschäftsführerposten des Verbandes sollte mit einem Berliner besetzt werden, der die Verlegung des Verbandssitzes in die einstige Reichs- und künftige Bundeshauptstadt vorbereiten und zu gegebener Zeit vollziehen sollte. Der löbliche Vorsatz ward gefaßt just in dem Moment, in dem der ungarische Aufstand geglückt schien und alle Welt den Atem anhielt. Im Geiste sah sich der Verband bereits in der bislang nur heimlichen Hauptstadt. Vorsitzender Paul begab sich ans Telephon und zitierte den langjährigen Geschäftsführer der einstigen Fachgruppe Kühlindustrie – Dr. Schäfer, heute Rechtsanwalt in Berlin – anderentags in das Bundesgebiet

Am 1. November 1956 saß Dr. Schäfer den ihm wohlbekannten Vorstandsmitgliedern des nunmehr rigen Fachverbandes in Hamburg gegenüber. Obwohl er die Frage, wann denn Berlin wieder Hauptstadt werde, nicht präzis zu beantworten vermochte, hatte Dr. Schäfer den Eindruck, daß man auf ihn ernsthaft reflektierte. Bestärkt wurde er darin durch die herzliche Begrüßung, die ihm der einstige Fachgruppenleiter zuteil werden ließ. Am Abend des Allerheiligentages wurde Dr. Schäfer das Bestätigungsschreiben angekündigt.

Kurz danach begann der Wiedereinmarsch der russischen Divisionen in Ungarn. Als der versprochene Brief ausblieb, brachte Dr. Schäfer die Angelegenheit schriftlich in Erinnerung, erhielt jedoch keine Antwort. Nach fast einem Vierteljahr wurde ihm unter der Hand bedeutet, daß der ursprüngliche Vorstandsbeschluß ausgerechnet am denkwürdigen Tage der Reichsgründung, dem 18. Januar 1957, umgestoßen worden sei. Zum Geschäftsführer des Fachverbandes war ein im Bundesgebiet ansässiger Bewerber bestellt worden.