Als im Frühjahr 1940 der Generaldirektor der Union Minière du Haut Katanga, Sengier, in sicherem Instinkt für die zukünftige militärische Rolle des Urans runde 1000 t Erzkonzentrat vor Belgisch-Kongo nach Hoboken disponierte, wurde zum letztenmal eine größere Uranerzladung zwischenstaatlich ohne Einschaltung höchster Regierungsinstanzen transportiert. Erst fünfzehn Jahre später enthüllten die USA die Wahrheit über diesen oft mißgedeuteten Transport, der keineswegs mit Atomrüstungsvorbereitungen zusammenhing, wie noch heute immer wieder behauptet wird. Wohl aber bot dieses Uran, das 1942 der damalige Vorläufer der Atomkommission der USA "vor der Haustür" auf Lager fand, den Vereinigten Staaten die Möglichkeit, ihre Atombombenentwicklung beschleunigt voranzutreiben, da alle wichtigen Uranmirien 1942 stillagen.

Seit dieser historischen Uranverschiffung ging jeder Verkehr mit dem Atomrohstoff Nr. 1 unter Ausschluß der Öffentlichkeit und striktester Geheimhaltung vor sich. Erst seit einigen Monaten – als sich die Mitglieder des angelsächsischen "Urankartells" zur ersten Veröffentlichung über ihre Uranversorgung entschlossen – lüftet sich der Schleier der Geheimhaltung um das magische Metall ein wenig. Es enthüllt sich das Bild einer Uransituation der westlichen Hemisphäre, wie es kaum günstiger gedacht werden kann, das Bild einer auf das höchste angekurbelten Produktion der Uranbergwerke in allen Ländern, die erwarten läßt, daß in absehbarer Zeit der drängende Uranüberschuß wieder den Weg zu einem freieren Markt öffnet.

In den letzten Vorkriegsjahren hatte die Welt-Uranförderung – die weitgehend nur der Erzeugung des Produktes Radium, einem regelmäßigen Nebengemengteil der Uranlagerstätten diente – eine Größenordnung von etwa 500 t Uranmetall jährlich. Diese Förderung erreichte dann am Jahresende 1956 eine Höhe, die einer 17 000-t-Jahresproduktion entspricht. Nach Feststellung des Direktors der Rohstoffabteilung der US USA-Atomkommission, J. C. Johnson, dürfte sich damit dieser neue Bergbauzweig einem Jahresumsatz von zwei Mrd. DM nähern. Doch schon in zwei Jahren wird sich diese Produktion etwa verdoppelt haben ...

Die USA ‚dürften zur Zeit mit einer Jahreserzeugung von rd. 6400 t Uran (Ende 1956) unter den westlichen Uranländern in Führung liegen. Doch wird schön 1958 Kanada – das heute rd. 3300 t Uran im Jahr liefert – mit 14 000 bis 15 000 t Jahresleistung sämtliche anderen Produzenten überflügelt haben. Der Beitrag der Südafrikanischen Union aus den Golderzen des größten Goldbergbaureviers der Welt am Witwatersrand wird heute die Uranerzeugung Kanadas ungefähr erreichen und bis 1958 noch beschränkt steigen. Auch die Erzeugung Australiens und des Kongogebiets, das inzwischen von der 30 Jahre lang gehaltenen Spitzenposition unter den Uranländern auf den vierten Platz zurückgefallen ist, muß nach mehreren tausend Tonnen berechnet werden. Schließlich repräsentieren Schweden, Portugal und Frankreich Uranländer mittleren Ranges, deren Zukunftsmöglichkeiten nicht zu gering eingeschätzt werden dürfen. Allein Frankreich hofft, bis 1975 seine Uranerzeugung auf eine Höhe zu bringen, die der heutigen Produktion Kanadas entspricht! Daneben arbeiten nahezu alle westlichen Staaten an der Aufnahme eines eigenen Uranbergbaues wenigstens beschränkten Umfangs Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß Uran keineswegs ein so seltenes Element der Erdrinde ist, wie noch vor zehn Jahren angenommen wurde: nahezu überall, wo intensiv prospektiert wird, wurden – wenn auch teilweise sehr arme – Lagerstätten erschlossen. Das beste Beispiel dafür ist die Bundesrepublik, wo kürzlich in Schwandorf (Bayern) eine Kohlen-Uranlagerstätte mit 100 000 t Reserven bekannt wurde.

Schon heute dürfte der westliche Uranverbrauch, der im Augenblick praktisch nur aus dem militärischen Bedarf besteht kaum die Höhe des Weltangebots der westlichen Hemisphäre erreichen. Zwar wird, unbeschadet der Höhe des Rüstungs-Bedarfs, zur Zeit praktisch nahezu alles in den fünf Haupterzeugungsländern gewonnene, Uran unter Kontrakt an die alliierte Uranbehörde oder die nationalen Ankauforganisationen der Regierungen geliefert, doch auch deren Aufnahmefreudigkeit läßt nach: die USA behalten sich nach 1962 die Abnahme von Uranmengen von über 500 t Uran je Grube vor und erkennen für solche Überschußmengen keine Ankaufspflicht mehr an. In Kanada sollen keine neuen Uran-Ankaufskontrakte mit Privatgruben mehr abgeschlossen werden. Darüber hinaus spricht man in Kanada schon seit 1955 von der Notwendigkeit, Uranexportmärkte zu entwickeln, und fürchtet um den heutigen Hauptmarkt, die USA, deren von Interessentenkreisen gesteuerte Schutzzoll-Politik die Ankäufe aus Kanada bremsen könnte. Harald Steinen