Berlin, im Februar

Die Galerie Rosen am Kurfürstendamm in Berlin zeigt augenblicklich eine Kollektion vor. Bildern, deren "Hersteller" keinen Anspruch darauf erheben, als Künstler gewertet zu werden. Sie Sonntagsmaler zu nennen, analog jenen Witzblatt-Sonntagsjägern, die unsere Väter belachten, ist freilich auch ungerecht, schon im Hinblick auf die Reinheit und Kraft ihres Bemühens, die nicht auf öffentliche Anerkennung aus ist, sondern sich mit dem Glück begnügt, das schöpferische Tätigkeit – sofern sie wohlgelingt – dem dilettierenden Gestalter einflößt.

Was die Ausstellung anlangt, so handelt es sich dabei um 39 Bilder, gemalt von Männern und Frauen, die im Leben meistens dort stehen oder standen, wo es am bürgerlichsten zugeht: im Haushalt, im Betrieb, hinter dem Schalter oder dem Ladentisch, auf dem Kutschbock und in einem Fall sogar zwischen den Würsten und Schinken einer Metzgerei. Zwei der Aussteller gehören allerdings mehr zur Bohème: der in Rumänien geborene, heute in Dippoldiswalde lebenden Johann Scholtis, der einen Großteil seines Lebens abenteuernd im Wanderzirkus verbrachte, und der Metzger Carl Christian Thegen, der ebenfalls vom Zirkus kommt, auch wenn er dort nur den wilden Bestien das Futter vorwarf. Beider Bilder tragen zwar, wie die ihrer Kollegen, vorzugsweise romantischen Charakter, doch trägt die Romantik hier lebhaftere, bei Thegen sogar ausgesprochen wilde Akzente. Sein "Stierkampf" und erst recht "das geschlachtete Schwein" lassen fast eine Abreaktion dunkler Instinkte vermuten; im Gegensatz zum fröhlich-friedvollen "Volksfest" des Johann Scholtis, wo bloße Lust am Dasein obwaltet.

Wie zart und träumerisch demgegenüber die Werke des Frankfurter Antiquitätenhändlers Carl Grünwald. Eine ganz unweihnachtliche "Heilige Nacht" und eine "Arkadische Landschaft" beispielsweise, die in ihrer Gekonntheit an die Bilder des früh verstorbenen George G. Kobbe erinnern. Und wie romantisch auch der entzückende "Frühling" der Hausfrau Clara Fehrle-Menrad, der mir besser gefiel als ihre durch moderne Vorbilder beeinflußte, kubisch aufgebaute "Südliche Stadt". Sehr witzig Felix Muche, genannt Ramholz, der auf einem Gut als Rentmeister wirkte und nebenbei malte. Ein Bild von ihm, mit der Bezeichnung "Herbst im Paradies" zeigt ein älteres Ehepaar auf einer Bank, die vor einem in müde Sonne getauchten Baum steht. Die betagte Eva mit Brille reicht ihrem etwas bänglich blickenden Adam im Cutaway einen weit überlebensgroßen Apfel.

Von künstlerischer Kraft erfüllt war der holländische Fuhrunternehmer Jan van Weert: dies zeigt eine holländische Postkutsche inmitten einer Winterlandschaft, mit Windmühle und alter Stadt im Hintergrund. Der aus Brody in Galizien stammende Moshe Maurer folgte den Spuren Marc Chagalls, und der im Alltagsleben bei Siemens als Werkmeister tätige Karl Hugo Maeder malt zwar nicht auf Kupfer, dafür aber um so zeitgemäßer auf Bakelitplatten, wie sie wohl in der Elektroindustrie Verwendung finden. Seine Motive sind sanft und zeugen von der Sehnsucht nach ländlicher Idylle.

Qualitativ sind die Bilder sehr unterschiedlich, doch kommt es hier ja weniger auf technische Vollkommenheit an als auf die seelischen Beweggründe zum Malen, die wohl durchgehend in der nach Gestaltung drängenden Sehnsucht zum Schönen liegen, in Wunschträumen also, die sich nicht verdrängen ließen. Der zwölfte der Aussteller, vertreten durch eine wie verloren wirkende Prozession in unendlich weitem, fast horizontlosem Flachland, ist Joachim Ringelnatz, einst prominent an Spree und Elbe, an Isar und Rhein als Seemann Kuddeldaddeldu, veritabler Dichter und Bohémien, und nun schon lange unter der Erde.

Man sieht, die Sonntagsmaler befinden sich in bester Gesellschaft. Um weitere zu nennen, die hier nicht vertreten sind: Auch Otto Gebühr der Alte Fritz der Zwanziger Jahre, malte mit Leidenschaft, und von Winston Churchill hängen Bilder in vielen Museen der Welt. Unnötig fast, in diesem Zusammenhang noch an den "Zöllner" Rousseau zu erinnern, den einst Wilhelm Uhde weltberühmt und entsprechend teuer gemacht hat. Er ist auf der Ausstellung durch einen Nachfahren vertreten, der zwar kein Zollbeamter, jedoch bei der Post tätig gewesen ist. Sein Name – Louis Vivin, gestorben 1936 zu Paris. "Echt" im hier behandelten Sinn war auch die berühmte USA-Grandma Moses, so lange, bis sie von smarten Managern entdeckt und auf den Kunstmarkt geworfen wurde, wo man sie heute mit Gold aufwiegt.

Abschließend noch ein Sonntagsmaler, den ich vor Jahren – er ist mittlerweile längst in die ewigen Jagdgründe seines Stammes eingegangen – in seinem Zelt nördlich des Polarkreises aufsuchte. Er hieß Johan Thuri, war ein einfacher Jäger und Fischer und gleichzeitig der einzige, der die Geschichte des Lappenvolkes zu Papier gebracht hat. Ich lebte einige Zeit bei ihm im Zelt, trank der Sitte gemäß den Kaffee gesalzen und aß Rentierschinken, den kein Fleischbeschauer auf Trichinen hin untersucht hatte. Er zeigte mir Bilder von seiner Hand, primitive Landschaften, sparsam hingetuscht mit zahllosen Rentieren darauf, die einander verblüffend ähnlich waren. Ob des Wunders befragt, kramte er listig lächelnd einen kleinen selbstgefertigten Holzstempel hervor, mittels dessen er nach Belieben ganze Herden der dekorativen Tiere in die gemalte Landschaft streute. Dieser Johan Thuri war dennoch ein echter Künstler in seiner nordischen Einsamkeit, weil er es nämlich verstanden hatte, das in seiner Welt Wesentliche auf seine Art malerisch zu erfassen. Ein Weiser, der keine Sehnsüchte kannte, es seien denn solche nach Schnaps. Und da hatte ich vorgesorgt...