Am 17. Juli 1947 in einer Zelle des Ljublanka-Gefängnisses in Moskau am Herzschlag im Alter von 36 Jahren gestorben", heißt es in einem Memorandum zum Fall Raoul Wallenberg, das die Sowjetregierung vor einigen Tagen in Stockholm überreichen ließ ...

Raoul Wallenberg war als Beauftragter der schwedischen Regierung und des schwedischen Roten Kreuzes im Juli 1944 nach Budapest gekommen, um so viele ungarische Juden wie möglich vor dem Vergasungstod zu bewahren. Bei dieser einzigartigen Rettungsaktion, der etwa 15 000 Juden ihr Leben verdanken, riskierte er ständig, der Kugel eines SS-Mannes oder eines "Pfeilkreuzlers" (so hießen die ungarischen Nationalsozialisten) zum Opfer zu fallen. Er empfand das selbst als "Berufsrisiko"; denn was Hitler wollte – die "Endlösung der Judenfrage" –, wollte er ja mit allen Mitteln verhindern. Aber daß die sowjetischen "Befreier" ihn von Gefängnis zu Gefängnis schleppten und nach zwölf Jahren in lakonischen Worten seinen Tod bekanntgeben würden, wäre ihm in seinen bösesten Träumen nicht eingefallen.

Als Wallenbergs Mutter, die in Stockholm lebt, erfuhr, was die Sowjets über das Ende ihres Sohnes behaupten, sagte sie: "Ich glaube kein Wort, was die Russen sagen. Mein Sohn lebt!" – Auch wenn ihre tapfere Zuversicht sie trügen und Raoul Wallenberg heute nicht mehr leben sollte, so ist sehr fraglich, ob sein Ende so war, wie das sowjetische Memorandum behauptet. Es gibt nämlich Zeugen, die noch lange nach dem 17. Juli 1947 mit Wallenberg in Verbindung waren, und zwar nicht in der Ljublanka, sondern in dem (nicht minder berüchtigten) Lefortowskaja-Gefängnis. Ein Zeuge ist der ehemalige Angehörige der deutschen Gesandtschaft in Bukarest, Ernst Wallenstein, der 1955 aus sowjetischer Gefangenschaft heimkehrte. Er versichert, noch im Winter 1947 mit Wallenberg Klopfzeichen ausgetauscht zu haben; ein anderer, der italienische Diplomat Claudio de Mohr, der erklärt, Wallenberg sei am 21. April 1948 in die Zelle 151 des Lefortowskaja-Gefängnisses eingeliefert worden. In der gleichen Zelle habe sich auch ein deutscher Diplomat namens Roedel befunden.

Diese Aussagen genügen, um das sowjetische Memorandum sehr fragwürdig erscheinen zu lassen. Aber sollten sie darüberhinaus nicht die Auffindung •weiterer Spuren ermöglichen? Vielleicht sind (außer Wallenstein) noch andere deutsche Heimkehrer dem schwedischen Attaché irgendwann und irgendwo auf ihrem Leidensweg durch sowjetische Gefängnisse und Lager begegnet? Auf keinen Fall sollte uns diplomatische Höflichkeit hindern, der jetzigen Todesnachricht weniger zu mißtrauen als Moskaus zwölfjährigen beharrlichen Ableugnen und Schweigen.

Wir stimmen’ andererseits nicht ganz mit denjenigen schwedischen und anderen westlichen Kommentaren überein, die in dem sowjetischen Memorandum über den Tod Wallenbergs gar nichts weiter als eine Heuchelei sehen, als einen Beweis dafür, daß sich in der Sowjetunion seit 1947 "nichts geändert" hat. Zu Stalins Zeiten hätte man nämlich der Todesnachricht ganz bestimmt noch das übliche "Geständnis" beigefügt, daß Wallenberg deutscher Spion und seine humanitäre Tätigkeit nur Tarnung und Schwindel gewesen sei. Einfacher und weniger peinlich als das in dem jetzigen Memorandum enthaltene Eingeständnis, daß Wallenberg einem "verbrecherischen Akt" des ehemaligen Innenministers Berija und seines Gehilfen Abakumow zum Opfer gefallen sei, wäre für Moskau ein Festhalten an der bisherigen Version gewesen, daß Raoul Wallenberg am 17. Januar 1945, kurz nach seiner "Befreiung" durch die Rote Armee, auf einer Autofahrt von Budapest nach Debrecen spurlos verschwunden und "wahrscheinlich" von Pfeilkreuzlern ermordet und an unbekanntem Ort begraben worden sei. Diese Auskunft gab der später ebenfalls als "Berija-Mann" hingerichtete damalige stellvertretende Außenminister Dekanosow dem schwedischen Gesandten in Moskau, Söderblom, im Februar 1945.

Damals beging die schwedische Regierung den großen Fehler, diese Auskunft glaubwürdig zu finden oder doch im Interesse der damals von Stockholm gewünschten politischen und wirschaftlichen Annäherung an Moskau, so zu tun, als finde man sie glaubwürdig. Schweden hatte starke Trümpfe in der Hand: einen gut gefüllten Geldbeutel und – leider – auch etwa 3000 deutsche, lettische, estnische und litauische Soldaten (die in kleinen Schiffen über die Ostsee geflüchtet waren und in Schweden Asyl gesucht hätten). Es gab den Sowjets einen Kredit von einer Milliarde Kronen und lieferte die Flüchtlinge aus, ohne auf Freilassung Wallenbergs zu bestehen. Heute kann man auch in Schweden nicht mehr begreifen, wie so etwas möglich war, auf der einen Seite die Auslieferung von 3000 Menschen, zu der Schweden völkerrechtlich keineswegs verpflichtet war, und die Bewilligung eines, für schwedische Verhältnisse gewaltigen Kredits, auf der andern Seite der Verzicht auf die Freigabe eines Mannes, der nichts getan hatte als Menschenleben zu retten, und der obendrein schwedischer Diplomat war!

Es gelangten im Laufe der Jahre noch viele Anfragen der schwedischen Regierung nach Moskau, jedesmal nämlich, wenn neue Zeugenaussagen neue Anhaltspunkte für Nachforschungen gaben, aber Moskau erwiderte mit stets gleicher Dickfelligkeit: "Einen Gefangenen namens Raoul Wallenberg gibt es bei uns nicht."