Seit Jahren schon geplant und vorbereitet, ist die Katholische Akademie in Bayern jetzt Wirklichkeit geworden. Es handelt sich dabei nur scheinbar und äußerlich um ein Konkurrenzunternehmen zu der schon lange in ihrer Art bewährten Evangelisten Akademie. Der wesentliche Unterschied besteht hier aber in der Einrichtung eines wissenschaftlichen Rates, der sich aus katholischen Hochschullehrern zusammensetzt und von dem die eigentliche Initiative zur Anregung und Inganghaltung der Gespräche ausgehen soll. Fundament für alle Diskussionen soll die wissenschaftlicheBeschäftigung mit den Grenzbereichen der einzelnen Gebiete des menschlichen Wissens und Forschens zum christlichen Glauben sein. Wie das gemeint ist, wurde schon bei der ersten Begegnung zwischen der Akademie und dem Publikum deutlich.

Die Eröffnung durch Kardinal Wendel fand in der Universität statt und sah nicht nur die geräumige Aula, sondern auch das Auditorium maximum und die angrenzenden Räume überfüllt! Den Ansprachen des Kardinals und des Direktors der Akademie, Dr. Karl Forster, folgte der Festvortrag von Professor Romano Guardini über das Thema "Kultur als Werk und Gefahr". Ein Grundsatzreferat; gewissermaßen eine Programmerklärung; zugleich ein in jeder Hinsicht imponierendes geistesgeschichtliches Weltpanorama, mündend in eine Gegenwartsanalyse von völlig illusionsloser Realistik. Aber in diesem referierenden und analysierenden Teil der Ausführungen, so tiefgründig und ausschöpfend er auch war, lag noch keine direkte Andeutung der möglichen Folgerungen, die als kennzeichnend für das Wesen und den Geist dieser Akademie hätte verstanden werden müssen. Wo die bewußte, zielgerichtete religiöse Aktivität etwa ansetzen könnte, wurde erst spürbar, als Guardini zu der Feststellung kam, daß der Mensch des technischen Zeitalters sich eine Apparatur schaffe, auf die er sich nicht verlassen könne, um die er besorgt sein müsse, wodurch ein gefährlicher Verlust an Ruhe und an Empfindungskraft verursacht werde, den unübersehbare Schwächesymptome bezeugen. Zu diesen Schwächezeichen gehöre die allgemeine "Veröffentlichung" des Lebens, gegen welche der Privatbereich sich nicht mehr durchsetzen könne. Die modernen publizistischen Organe seien dabei zugleich Ursache und Wirkung. Wohin diese von zahlreichen Möglichkeiten degenerativer Entwicklung geladene Epoche führen werde, welcher Zustand des Menschenbildes sie ablösen werde, das könne niemand voraussagen. Indessen zeigte Guardini zwei Wege auf, um den Menschen instand zu setzen, die "herrenlos gewordene Kulturmacht wieder in seine Hand zu bekommen". Aber auch die bloße praktische Möglichkeit, diese Wege zu beschreiten, hängt von Voraussetzungen ab, die der Redner andeutete mit der an die Wissenschaft adressierten höchst entscheidenden und zweifellos aktiv gemeinten Frage: Ob denn jede neugewonnene Erkenntnis gleich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müsse? Ob wissenschaftliche Wahrheit immer zum Guten ausschlagen könne? Ob Wissenschaft nicht auch in der Fähigkeit, zu schweigen, der Weisheit verpflichtet sein sollte, anstatt dem Wettlauf um Priorität und Entdeckerruhm zu verfallen?

Die zwei Wege, die offenstehen, sind die der Kontemplation und der Askese, Zwei Begriffe, die heute nicht hoch gewertet werden, deren Gewicht aber jedem einleuchten müßte, der dem Vortrage aufmerksam gefolgt war. Und zwei Begriffe, in denen sich der christliche, auch der spezifisch katholische Aspekt, noch mehr der katholische Impuls, nunmehr ebenso positiv wie bedeutsam enihüllte. Es verschließt sich aber auch einem allgemeineren Verständnis nicht, daß die mit diesen Begriffen umschriebenen Elemente Lebenskräfte zum Inhalt haben, die dem Menschen von heute am allermeisten fehlen und deren Mangel ihn so schutzlos macht gegenüber der technisierten Welt, die ihn offensichtlich und unausweichlich mehr und mehr sowohl der Freiheit wie der eigentliche! und menschlichen Substanz beraubt.

In einer anderen Richtung nicht minder eindrucksvoll war der zweite Vortrag, den der französische katholische Existentialist Gabriel Marcel hielt. Hier war das Thema: "Der Glaube als geistige Dimension." In sehr prägnanten Formulierungen grenzte Marcel zunächst den Begriff des religiösen Glaubens gegen alle anderen Begriffe ab, mit denen er gemeinhin in sprachlicher Sorglosigkeit identifiziert oder verwechselt wird, wie: meinen, sich einbilden, überzeugt sein, "glauben, daß". Mit solchen Begriffsverfälschungen hängt der durchaus abzulehnende Dualismus zusammen, dem etwa ein katholischer Arzt verfallen ist, der da "als Wissenschaftler" bestreiten zu müssen vermeint, was er "als Katholik" anerkennt. Glaube kann nicht Bewußtsein des Glaubens sein. Er verliert seinen Charakter, wenn er rationalisiert werden soll. Es ist seine Eigentümlichkeit, daß er gewiß ist, zu erreichen, was in jeder anderen Perspektive unzugänglich ist. Glaube ist ferner: aktive Verneinung des Todes. Alles feststellbare Existierende hat dagegen am Tode teil. Der Glaube ist wie ein Regenbogen, der sich über Diesseits und Jenseits des Feststellbaren spannt. Man darf ihn auch nicht nach seinen Auswirkungen beurteilen, denn das hieße ihn und sich auf den Boden des Utilitarismus stellen, mit dessen Sphäre er nichts gemein hat. Er verleiht einem Wesen, einer Seele die Kraft der Ausstrahlung, Leuchten und Wärme. In der gläubigen Seele ist immer Gnade wirksam. Aber der Glaube ist nicht Wirkung der Gnade, sondern Antwort auf einen liebenden Anruf. "Ablehnen zu beten, heißt vielleicht ablehnen, sich lieben zu lassen" sagte Gabriel Marcel – und das war einer seiner schönsten Sätze, der zugleich erkennen ließ, was möglicherweise am stärksten den modernen Menschen am Gebet hindert.

Es waren zwei überaus gewichtige Auftakte, diese beiden Vorträge, denen noch ein dritter von Professor Dr. Franz Schnabel über "Das Menschenbild des 19. Jahrhunderts" folgte. Eine Tagung von Medizinern und Psychologen soll die nächste große Veranstaltung der Katholischen Akademie sein. Walter Abendroth