Die Ankündigung der Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), Berlin – Frankfurt/Main, fünf Monate nach der letzten Kapitalerhöhung eine erneute Aufstockung des Aktienkapitals (von 220 auf 275 Mill. DM) vornehmen zu wollen, hat in der Öffentlichkeit überrascht und in Börsenkreisen alles andere als Begeisterung ausgelöst, zumal die jungen Aktien (dividendenberechtigt ab 1. 10. 1956) nicht wie im Herbst 1956 zu pari, sondern zu 120 v. H. ausgegeben werden sollen. Dieser Emissionskurs entspricht nicht der zur Zeit am Kapitalmarkt geübten Gepflogenheit, und er mußte sich deshalb bereits eine erhebliche Kritik aus Aktionärskreisen gefallen lassen. Dennoch muß berücksichtigt werden, daß angesichts der hohen Kosten einer Kapitalerhöhung und der beträchtlichen Steuern, die mit den, Dividendenzahlungen verbunden sind, neue Eigenmittel immer noch das teuerste Kapital sind, so daß – will man eine Verwässerung des AK vermeiden – ein Aufschlag theoretisch gerechtfertigt ist. Ob der Kapitalmarkt allerdings gegenwärtig so harte Bedingungen eines Kapitalsuchenden ohne weiteres hinnimmt, steht auf einem anderen Blatt. Nun ist in der Diskusion über den hohen Bezugskurs ein neuer Gesichtspunkt aufgetaucht, der ein billiges Bezugsrecht wenig wahrscheinlich macht. Der USA-Konzern General Electric soll sich nicht nur für die auf seinen Anteil entfallenden jungen Aktien, sondern darüber hinaus auch für weitere Bezugsrechte interessieren. Ist das der Fall, dann erscheint die Kapitalerhöhung in einem neuen Licht.

Die AEG hat sich nicht entschließen können, die Dividende zu erhöhen. Angesichts hoher Investitionsvorhaben und der schwieriger gewordenen Kostenrechnung soll die Ausschüttung für das Geschäftsjahr 1955/56 (30. 9.) wieder neun v. H. betragen. In der Berichtszeit hat der Umsatz erstmals seit dem Kriege die Milliardengrenze überschritten. Dabei verteilte sich der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr (etwa 20 v. H.) ziemlich gleich auf das Inlands- und Auslandsgeschäft. Nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Dr. Boden lassen sich zwar Zeichen eines spürbaren Nachlassens der Nachfrage nicht erkennen, doch wenn man berücksichtigt, daß die Wachstumsquote bei den Umsätzen in 1954/55 noch etwa 25 v. H. betragen hat, dann scheint auch bei AEG – genau wie bei Siemens – eine Abflachung der Entwicklungskurve sichtbar zu werden. Wesentlicher Antrieb für die weiteren Investitionen (im Berichtsjahr betrugen die Sachlagenzugänge rund 100 Mill. DM) dürfte der günstige Auftragseingang sein, der immer noch über dem Umsatz lag. Die Anlagenfinanzierung konnte mit Hilfe der aus der Kapitalerhöhung (55 Mill. DM) und der letzten achtprozentigen Anleihe (50 Mill. DM) bewerkstelligt werden.

Die AEG-Bilanz ruht offensichtlich auf festen Fundamenten, denn das Eigenkapital (einschl. der Pensionsrückstellungen) und die langfristigen Verbindlichkeiten überdecken das Anlagevermögen um fast zehn v. H. Das ist eine Relation, die es verdient, herausgestellt zu werden. Die Stabilität wird außerdem noch durch stille Reserven verstärkt, deren Höhe natürlich nicht abgeschätzt werden kann, doch gibt die Summe des Steueraufwandes in Verbindung mit dem auf die Dividende abgestimmten Jahresergebnis von 14,85 (9,9) Mill. DM einen Hinweis, daß der tatsächliche Jahresgewinn wahrscheinlich über dem ausgewiesenen Ertrag gelegen hat.

Bislang ist es der AEG gelungen, alle Mehrbelastungen – entstanden durch höhere Löhne, gestiegenen Sozialaufwand und wachsende Materialpreise – aus dem Rationalisierungsfortschritt zu decken, so daß Preiserhöhungen weitgehend vermieden werden konnten. An dieser Tendenz will man grundsätzlich festhalten, denn ein erheblicher Teil der Neuinvestitionen kommt der Rationalisierung zugute. Aber alle Bemühungen, die Preise zu halten, werden vergeblich sein, wenn die Kosten schneller steigen, als Rationalisierungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden können. Auf der Lohnseite sieht die Rechnung so aus: Die AEG hat für ihre um zehn v. H. auf 51 500 gestiegene Belegschaft um 23 v. H. höhere Löhne und Sozialaufwendungen zahlen müssen. Daraus geht hervor, daß ein wesentlicher Teil des Rationalisierungsstrebens in erster Linie der Belegschaft, dann den Preisen und erst zuletzt dem Aktionär zugute kommt, der ebenso wie im Falle Siemens keine Erhöhung seiner Einkünfte buchen kann.

Auch die Beteiligungsgesellschaften der AEG haben ihr Geschäftsvolumen in der Berichtszeit durchweg vergrößert. In einigen Fällen wurde das Eigenkapital der Gesellschaften dem wachsenden Geschäftsumfang angepaßt. Auf dem Beteiligungskonto schlägt sich dies in einer Erhöhung des Postens um rund 27 Mill. DM nieder. Hauptnutznießer waren Telefunken, Norddeutsche Kabelwerke und Volta-Werke. Die bevorstehende Kapitalerhöhung wird wieder zu einem großen Teil dazu benutzt werden, den Tochtergesellschaften neues Kapital zuzuführen. K. W.