Die Eternit AG, Berlin-Hamburg, veröffentlicht ein Angebot, das zwar in wesentlichen Grundzügen den bisherigen Versuchen mit Belegschaftsaktien in Deutschland entspricht, andererseits aber auch den Rahmen erweitert. Das bisher mit einem AK von 16 Mill. DM ausgestattete Unternehmen der Baustoffindustrie bietet Namensaktien im Gesamtbetrag von 1,75 Mill. DM in Stücken zu 100 DM an, die außer von den Arbeitnehmern auf deren ausdrücklichen Wunsch ebenfalls von den Vertragshändlern übernommen werden können. Mit dieser Bestimmung wagt es ein Unternehmen mit einer vergleichsweise schmalen Kapitalbasis, seinem Angebot einen breiteren Rahmen zu geben. Dennoch ist sich die Geschäftsführung über den vorerst experimentellen Charakter der Aktion im klaren. Es heißt in dem Angebot: "Der deutsche Gehalts- und Lohnempfänger verfügt im allgemeinen nicht über große Ersparnisse, und die Baustoffhändler brauchen ihr Kapital zunächst für ihren eigenen Betrieb." Man bezweckt damit also keineswegs in erster Linie eine Finanzierung des Unternehmens, sondern verfolgt die im weitesten Sinne soziale Tendenz, "den in und mit dem Unternehmen Arbeitenden eine günstige Anlage ihrer Ersparnisse zu bieten und sie an dem finanziellen Erfolg des Unternehmens teilnehmen zu lassen".

Grundlage für den Übernahmekurs, der auf 100 v. H. des Nominalwertes festgesetzt wurde, ist der Geschäftsabschluß per Ultimo 1955, der eine Dividende von 6 v. H. ergeben hatte. Nach dem vorläufigen Überblick über das abgelaufene Jahr ist für 1956 mit einer Dividende von 8 v. H. zu rechnen. Jedoch werden die neuen Aktien nicht mit einer Dividendengarantie ausgestattet, "weil die Inhaber wirklich an dem weiteren Gedeihen des Unternehmens interessiert sein sollen". Der weitere Geschäftsverlauf läßt mit einiger Sicherheit annehmen, daß die nächsten Jahre mit noch günstigeren Ergebnissen abschließen. Eine Dividendengarantie auf einer Höhe, die mindestens der Rendite der letzten Industrie-Obligationen entspricht, wäre von der Geschäftsleitung aus demnach zweifellos zu verantworten gewesen. Die "erzieherische" Absicht, mit der Aktie auch einen Teil der Mitverantwortung am Unternehmen zu erwerben, also rein spekulative Überlegungen zurückzudrängen zugunsten einer Einsicht in das betriebliche Geschehen, erläutert die Geschäftsleitung mit dem Hinweis, jeder Aktionär müsse bezüglich der Dividende wissen, "daß diese in jedem Jahr von dem Geschäftsergebnis abhängig ist".

Bemerkenswert an diesem neuen Versuch erscheint besonders dasBemühen, den volkswirtschaftlichen Grundgedanken, den Mitbesitz am Unternehmen auf eine möglichst breite Schicht auszudehnen, zu kombinieren mit Gesichtspunkten, die den herkömmlichen Begriffen einer privaten Vorsorge für den Notfall oder einer Existenzsicherung entsprechen. Daß dies in einem Unternehmen geschieht, das trotz seiner Größe noch einen unmittelbaren Kontakt zu dem einzelnen Arbeitnehmer und in diesem Falle auch zum Händler hat, erscheint dem Außenstehenden theoretisch als Aktivum. Ob der Erfolg diese Ansicht, von der ja auch die Geschäftsleitung bei ihrem Angebot ausgegangen ist, bestätigt, bleibt abzuwarten.

Wird diese einzelne Maßnahme jedoch in den großen Rahmen der Popularisierung des Aktienbesitzes gestellt, so müßte auch von der Seite des Staates her einiges getan werden, um dem Besitzer dieser neuen Aktien (z. B. bei der Ausschüttung der ersten Dividende) nicht jedes Gefallen an seinem Besitz zu vergällen. Wenn der Arbeiter, der auf dem neuen Wege ein Kapital von mehreren hundert DM angelegt hat, wegen weniger Mark Kapitalertragssteuern einen bürokratischen Formular- und Kleinkrieg mit dem Unternehmen und dem Finanzamt führen muß, wird er die Lust an dieser Form des Sparens schnell verlieren, zumal ihm die Sparkasse am Jahresschluß automatisch eine Zinsgutschrift erteilt. Alle Bemühungen zur Popularisierung der Aktie können auf die Dauer keinen durchschlagenden Erfolg haben, wenn die jetzt noch außenstehenden Kreise erst den Eindruck gewinnen, Mitbesitz sei praktisch gleichbtdeutend mit "Strafwürdigkeit" gegenüber der Finanzbehörde. gg.