Leider hat der arabische Raum von jeher die Romantiker – von T. E. Lawrence bis Muhammad Asad – mehr angezogen als die Historiker. Unser Wissen über dieses Gebiet hat, der Tagespolitik zum Trotz, die uns zwingt, uns damit zu befassen, fühlbare Lücken. Diese Lücken auszufüllen, wäre eine lohnende Aufgabe. Der ehemalige Informationsminister der Vichy-Regierung, Benoist-Méchin, hat, wie schon im Falle seines Buches über Atatürk (siehe DIE ZEIT vom 15. März 1956), auch in seinem neuen Werk über Ibn Sa’ud

Jacques Benoist-Méchin: "Ibn Sa’ud und die arabische Welt", Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln, 383 S., 16,80 DM

eine Chance verpaßt. – Benoist-Méchin liebt die Autokraten. Leider jedoch versucht er nicht, wie das in den zwanziger Jahren bei uns die Mode war, ihr Wesen und ihr Tun und Lassen zu erklären. Jene Methode versuchte wenigstens Anrüchiges schmackhaft zu machen, indem sie für das Böse so gute Motivierungen fand, daß es nicht mehr böse schien und das Gute so lange analysierte, bis es jeden Wert verloren hatte. Benoist-Méchin hingegen treibt Heldenverehrung billigster Art. Sein Ibn Sa’ud ist kein Mensch mit seinen Widersprüchen. Er ist groß, gut, schön, klug, hart, siegreich und so weiter. Die einzige Kritik, die geübt wird, ist, da sie nicht komisch gemeint sein kann, eine Herausforderung des intelligenten Lesers: "Gewissen Ausschweifungen", erfahren wir, "gab er sich nur in seinem Harem hin." Welchen wohl – fragt man.

Der historische Teil birgt nicht mehr Informationen als ein Taschenlexikon. Die Teile aber, die sich mit der Entwicklung der arabischen Länder in diesem Jahrhundert befassen, sind von solch beispielloser Parteilichkeit, daß sie wertlos sind. Benoist-Méchins besonderer Haß gilt den Feinden seines Helden, den Haschimiden (der arabischen Dynastie, der die Könige Jordaniens und des Irak angehören). Außerdem haßt er die Engländer, zitiert freudig T. E. Lawrences trauriges Eingeständnis seiner Mißerfolge, triumphiert, wenn er berichten kann, wie die amerikanische Ölgesellschaft "Aramco" der "Anglo-Iranian" und der "Irak-Petroleum" den Rang abläuft. Die Darstellung der Kriegsereignisse im Nahen Osten ist nur insofern interessant, als man sich an einer längeren Darlegung der deutschen Kriegsziele in diesem Raum delektieren kann – unter anderem aus dem Kriegstagebuch von Léon De^relle ("Zu Weihnachten in Tiflis. Im Frühjahr in Babylon ... An der Wiege des Menschengeschlechtes würde der Krieg sich erfüllen!") Das bemerkenswerteste historische Detail dieses Werkes jedoch ist negativer Art. Aus unersichtlichen Gründen hat es für Benoist-Méchin den arabisch-jüdischen Krieg, der doch immerhin seit 1948 Geschichte und Politik dieser Länder wesentlich mitbestimmt, nicht gegeben. Obwohl der ganze fünfte Teil des Buches diesen Zeitabschnitt behandelt, wird der Krieg nur einmal in einer Fußnote erwähnt. Auch für die sozialen Spannungen, die die Modernisierung für die arabischen Länder brachte, auch für den Gegensatz zwischen der alten Klasse und der neuen Intelligenz bringt der Autor kein Interesse auf. Er verfährt nach der Methode, "daß nicht sein kann, was nicht sein darf".

Der Stil des Werkes entspricht dem Inhalt. Er entstammt den unteren Regionen der Illustrierten-Kolportage. Das liest sich etwa so: "Als er (Ibn Sa’ud) von den Vorgängen Kenntnis erhielt, sprang er sofort in den Sattel, rief seiner Garde zu, sie möge ihm folgen, und galoppierte in voller Karriere nach Mina ... Pulverdampf und Blutgeruch erfüllten die Luft." Gustav Schwab hat das entschieden besser gekonnt. Marianne Regensburger.