o. f., Berlin

Barbara Brecht, prominentes Mitglied des Ostberliner Theaters am Schiffbauerdamm und 26 jährige Tochter des unlängst verstorbenen "armen B. B.", wollte zum Kurfürstendamm, um den alten Film "Der Maulkorb" zu sehen; ihre beiden Kollegen Ekkehard Schall und Peter Voigt begleiteten sie in ihrem für sowjetzonale Verhältnisse schon recht luxuriösen "EMW-Wartburg", der am Brandenburger Tor von Westberliner Zöllnern routinemäßig gestoppt wurde.

Wegen zwölf Meter Hemdenstoff, die im Wagen lagen, mußten die beiden Männer als Schmuggelverdächtig aussteigen. Da riß Barbara die Geduld. Türenklappen, Gasgeben und Wenden, um in den Ostsektor zurückzufahren – diese ihre schnelle Reaktion hätte einem im Wege stehenden Zöllner fast das Leben gekostet; ein anderer Beamter jedoch war noch schneller und brachte den Wagen zum Halten.

Gewalt gegen Gewalt: Als sie zum Aussteigen genötigt wurde, schimpfte sie: "So was würde bei uns nie passieren", kratzte und riß sich los. Dieser Widerstand gegen die Staatsgewalt brachte sie vor ein Westberliner Schnellgericht, wo sich zu ihrer Verteidigung der Rechtsvertreter aller Ostprominenten, Anwalt Dr. Kaul, einfand und sie rügte: "Das war wirklich nicht schön von Ihnen!"

Tochter Brecht verteidigte sich: "In der HO gab es gerade Hemdenstoff. Ich war über diesen zweiten Aufenthalt noch verärgerter und muß meine Nerven verloren haben." Das ist menschlich; und echt wirkte, wie sie sich – dazu angehalten – kleinlaut an den Zöllner wandte: "Es tut mir sehr leid, daß ich mich so unflätig benommen habe. Ich bitte um Entschuldigung." Diese mit Tränen besiegelte tätige Reue berücksichtigte der Richter bei der Urteilsfindung: unter Anrechnung der vierundzwanzig Stunden Haft in Westberlin 200 Mark Geldstrafe. Das lag weit unter dem beantragten Strafmaß des Staatsanwalts, der das ungezogene Kind eines einst durchaus nicht immer sanftmütigen Vaters ermahnte: "So etwas ist wirklich recht unflätig. Sie haben wohl soviel Lebensart von ihren berühmten Eltern mitbekommen, daß Sie sich nicht so frech aufzuführen brauchten." (Vater schrieb im Textbuch zur "Dreigroschenoper": "Ein guter Mensch, wer wäre das nicht gern?")

Anwalt Kaul jedoch nahm das Urteil nicht an und behielt sich Berufung vor. Aber nicht nur aus diesem Grund bleibt es fraglich, ob die Westberliner Justiz je die 200 Mark erhalten wird: Sünderin Barbara erhielt den Hemdenstoff samt Wagen zurück und entschwand darin schleunigst nach Ostberlin – ohne den Film "Der Maulkorb" gesehen zu haben.