L, London, Mitte Februar

Es war ein bißchen peinlich für die britische Regierungspartei, daß die Wahlen im Londoner Vorort North Lewisham so sehr in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit geraten waren. Reporter aus allen Erdteilen, Kameras der großen Film- und Fernsehgesellschaften waren versammelt, um es mitzuerleben: Die Konservative Regierungspartei erlitt die erste Niederlage seit ihrer Wahl (1951) – die erste Niederlage überhaupt, die die Regierungspartei bei einer Nachwahl erlitten hat, seit 1939.

Der gleiche Wahlkreis, der 1955 einen konservativen Abgeordneten mit einer Mehrheit von reichlich 3000 Stimmen ins Parlament schickte, gab diesmal einem Sozialisten den Vorzug. Nichts hat sich geändert – außer dem einen: daß die Konservative Partei an Popularität eingebüßt hat.

Seit der Suezkrise, vielleicht noch ein wenig länger, ist das so; und niemand, der von der politischen Situation in England eine Ahnung hat, war sich darüber im unklaren. Sogar im Abbey House, dem Sitz der Konservativen Parteiführung, wurde mit einer Niederlage bei dieser Nachwahl gerechnet.

Die Niederlage mit Eden und Suez in direkten Zusammenhang zu bringen, wäre jedoch verfehlt. Es sind die Folgen, die jetzt überwunden Verden müssen. Die Rechnung wird präsentiert. Wer das nicht wahrhaben will, läßt sich durch eine Frau trösten...

Napoleons Polizeiminister Fouché soll den Rat gegeben haben (und Alexander Dumas hat ihn weitergegeben): Wenn irgendwo etwas nicht stimmt, sucht nach der Frau, die dahintersteckt – cherchez la femme! Diesem Rate folgend, fanden enttäuschte Konservative Miss Leslie Greene, die als unabhängige Kandidatin in North Lewisham dafür gekämpft hatte, das britische Empire zu verteidigen. Das brachte ihr auf verlorenem Posten immerhin 1487 Stimmen ein – gerade soviel, ja noch ein paar mehr, als die Konservative Partei gebraucht hätte, um über die Labour Party zu obsiegen. Wenn also Miss Greene als "dritte Kraft" nicht aufgetreten wäre und wenn alle ihre Wähler... ja: wenn!

Vernünftige Konservative haben sich damit abgefunden, daß ihre Partei im letzten Jahr wenig geleistet hat, um sich den englischen Wählern zu empfehlen, daß auch die mutige Aufhebung eines Mieterschutzgesetzes, das den Hausbau zu lähmen und den Staatshaushalt unerträglich zu belasten drohte, sie zunächst Stimmen gekostet hat. Sie hoffen, daß North Lewisham einen Tiefstand ihrer Popularität bedeutet und daß es von jetzt an wieder aufwärtsgehen wird. Wer die Regierung Macmillan ganz nüchtern und leidenschaftslos betrachtet, wird finden: Hier ist ein Kabinett, in dem die Posten des Innenministers, des Schatzkanzlers, des Handelsministers, des Arbeitsministers, des Hausbauministers und – last but not least – des Verteidigungsministers recht glücklich besetzt sind. Die Hoffnungen der Konservativen also sind – trotz dieser Nachwahl – nicht unberechtigt.