"Warschau wurde der optimistische Kontrapunkt zur Tragödie von Budapest", sagt Heinz Kersten, der in dieser neuen Folge unserer Serie jener fast unglaublichen polnischen Entwicklung nachgeht, die innerhalb nur eines Jahres aus einem stalinistischen Satellitenstaat ein Land machte, das die Kandare des Kremls abgeworfen und entschlossen den viel beschworenen, viel verspotteten "besonderen Weg zum Sozialismus" eingeschlagen hat. Welch entscheidende Rolle gerade die Presse in diesem polnischen Umbruch gespielt hat und mit welcher Zwangsläufigkeit die stalinistischen Herrscher Schritt für Schritt vor der Macht der Öffentlichkeit zurückweichen mußten, das sind die besonders wichtigen Einsichten, die sich aus diesem so nüchtern-eindringlichen Bericht gewinnen lassen.

Nur wer einen Begriff von der Abhängigkeit der Presse von dem herrschenden System im totalitären Staat hat, kann ermessen, welche Bedeutung dem Phänomen zukommt, daß es in Polen gerade die Presse war, die in vorderster Front auf den Barrikaden der Revolution der Intellektuellen für eine Änderung der als unerträglich empfundenen Verhältnisse kämpfte. –

Zeitschriften wie das Organ des Schriftstellerverbandes Nowa Kultura, die offiziöse Przeglad Kulturalny, die Krakauer literarische Revue Zycie Literackie, die Studentenzeitschrift Po prostu, Nauka Polska und andere, das populäre Warschauer Massenblatt Zycie Warszawy verbreiteten die Gedanken der polnischen Intellektuellen und halfen so, die Wende vorzubereiten; Selbst Sprachrohre der Partei, wie die Zeitung Trybuna Ludu oder das theoretische Organ Nowe drogi und das Blatt des kommunistischen Jugendverbandes Sztandar Mlodych, ließen nach anfänglichen Versuchen ideologische Bremsen anzuziehen, neue Töne hören und traten selbst für durchgreifende Reformen ein. So konnte schließlich ein Funktionär darüber klagen, "daß es auf der ganzen Welt neben der Oppositionspresse noch eine regierungstreue Presse gibt und nur in Polen die gesamte Presse oppositionell eingestellt ist".

Im Oktober 1955 hatte es mit einem Vorstoß der Fachzeitschrift des Journalistenverbandes Prasa Polska begonnen. Die Journalisten forderten mehr Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit für die Presse. Man müsse wenigstens das Recht haben, bestimmte Angelegenheiten zu diskutieren, "solange die Partei noch nicht das letzte Wort gesprochen hat", hieß es da. Was man dann bereits ein halbes Jahr später in den Spalten der polnischen Presse lesen konnte, ging bereits weit über diese ersten schüchternen Forderungen hinaus. Eine bedeutende Rolle spielte dabei die Warschauer Studentenzeitschrift Po prostu, die vor allem von den jungen Offizieren der Armee gelesen wird und deren Denken beeinflußt. Sie war es, die Anfang März 1956 zuerst für die ehemaligen Angehörigen der sogenannten "Heimatarmee" eintrat. Diese stärkste Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besetzung, die alle nichtkommunistischen Gruppen unter Führung der Bauernpartei und der Sozialisten vereinigte, war nach dem Kriege von den Kommunisten diffamiert, ihre Führer waren erschossen oder in zum Teil sowjetische Lager verbannt worden. Die durch den neuen Kurs Moskau! ermunterte Rebellion der polnischen Intellektuellen erreichte einen Höhepunkt auf der XIX. Sitzung des Kultur- und Kunstrates am 24. und 25. März 1956 in Warschau. Die dort gehaltenen Reden sprengten die auf dem XX. Parteitag der KPdSU abgesteckten Grenzen der Entstalinisierung. So erklärte der 1951 aus dem englischen Exil zurückgekehrte, mit Shaw und Russell befreundete Dichter Antoni Slonimski, der dann als Parteiloser zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes gewählt wurde: "... nicht der Persönlichkeitskult, ... sondern das System, das solche schädliche Tätigkeit der Persönlichkeit ermöglicht, ist schuld."

Kulturminister Wlodzimierz Sokorski hielt eine selbstkritische Rede, in der er, wie wenige Tage später ähnlich Cyrankiewicz auf der allpolnischen Architektenkonferenz, versicherte, daß "wir den schöpferischen Menschen alle Rechte auf ein freie" Schaffen zurückgeben müssen". Das bewahrte ihn jedoch nicht vor seiner am 21. April 1956 erfolgten Ablösung.

Auch andere Lebensbereiche wurden von dem allgemeinen Reformstreben erfaßt. Der Sejm führte parlamentarische Praktiken ein und erlebte sogar, daß die fünf "fortschrittlichen Katholiken" gegen ein die Abtreibung erleichterndes Gesetz stimmten; die Gewerkschaften erlangten größere Unabhängigkeit; die Universitäten setzten eine Lehrplanreform durch, und die katastrophalen Ergebnisse der staatlichen Wirtschaftspolitik wurden so heftig attackiert, daß schließlich der allmächtige Planungschef Hilary Mine gehen mußte.

Der Posener Arbeiteraufstand Ende Juni vergangenen Jahres brachte nicht, wie manche befürchteten, das Ende dieser hoffnungsvollen Entwicklung, sondern bestärkte nur noch die Einsicht in die Notwendigkeit grundlegender Reformen, die jetzt nicht einmal mehr von der Partei geleugnet wurde. Zwar versuchten die Stalinisten während der historischen Tagung des Zentralkomitees der Partei vom 19. bis 21. Oktober 1956, die Gomulka ans Ruder brachte, ein letztes Mal, das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen, aber sie scheiterten an der Solidarität von Intellektuellen und Arbeitern. Schriftsteller, Journalisten, Rundfunkleute, Angehörige der Jugendorganisation und die Warschauer Parteileitung sollten verhaftet werden. Rechtzeitig gewarnt, wurden sie von der spontan gebildeten Arbeitermiliz geschützt, während Abordnungen der Belegschaft der Personenkraftwagenfabrik von Zeran ihre Kollegen im übrigen Land alarmierten und Arbeiterräte organisierten. Die Mehrzahl der Truppen stand ebenfalls auf Seiten der neuen Parteiführung, deren Sieg dann in den von Studenten und Oberschülern an die begeisterte Menge verkauften Extrablättern verkündet werden konnte. (Wird fortgesetzt) Heinz Kersten