bbs., Harrisleel Padborg

Halbstündlich fahren die Omnibusse vom Flensburger ZOB zur Grenze; halbstündlich rattern sie über die ausgefahrene Straße, halten an dem Grenzpunkt Harrislee und entlassen Scharen von Frauen und Kindern. Alle tragen mindestens zwei große Einkaufstaschen, viele einen Rucksack. Ich komme mir mit meiner kleinen Reisetasche etwas deplaciert vor. Nicht nur mir, auch dem Paßbeamten, der überrascht in meinem Paß nachblättert. Nicht aus Flensburg? Nicht aus dem Grenzkreis? Ob ich mich geirrt habe, fragt er mich. Sicherlich wollte ich nach Kupfermühle, der stolzen, vornehmen Schwester dieser Grenzstation? Dort gibt es großzügige Autoauffahrten, betonierte Straßen, moderne Kioske aus Stahl und Glas. Hier, am Grenzpunkt Harrislee-Padborg, ist alles anders. Es ist sozusagen eine private Einrichtung für den Hausgebrauch. Zweitausend Menschen gehen täglich hier durch, mit leeren Taschen und vollen Portemonnaies. Und wenn sie zurückkommen...

Es ist gegen Mittag, als ich in Padborg ankomme. Früher, vor 36 Jahren, war es noch deutsch, hieß Pattburg und hatte nicht mehr als zehn Häuser. Heute ist Padborg eine kleine schmucke Stadt, deren Kolonialwarengeschäfte sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt haben. Sie entstand und lebt nur durch die Grenze. Genau zwanzig Schritt brauche ich bis zum "Grenzkiosken", einer kleinen unscheinbaren Bude. Sie ist bis zum Bersten mit Waren angefüllt; für die drei Frauen, die mit mir im Omnibus kamen und ihre Rucksäcke jetzt mit großen Paketen füllen, ist kaum Platz.

Ich gehe weiter bis zur Kreuzung, wo die Stadt erst richtig anfängt. Fünf Kolonialwarenläden habe ich gezählt. Während ich unschlüssig stehenbleibe, bietet sich freundlich Hilfe an: ein deutscher Bahnbeamter geht einkaufen und nimmt mich mit. In das beste Geschäft, wie er sagt. Es ist ein großartiges Geschäft, freundlich, sauber. Der Verkäufer spricht deutsch ohne Akzent und gibt mir Tips, was ich ohne viel Zoll "rübernehmen" kann. Ich kaufe gelbe Butter, das Kilo für 4,60 DM. Dafür soll ich später eine Mark Zoll zahlen – und spare dabei dennoch 1,40 DM. Dann will ich noch ein Pfund Zucker. Der Verkäufer lacht: "Unter einem Kilo verkaufen wir nicht." Ich kaufe ein Kilo für 60 Pfennig (zu Hause ist das der Preis für ein Pfund).

Am Nachmittag bin ich wieder im Zollhaus. Nachdem ich meine bescheidenen Einkäufe durch den staunenden Beamten habe verzollen lassen – 10 Pfennig für ein Pfund Zucker, 3 Pfennig pro Ei, 50 Pfennig für ein Pfund Butter – bleibe ich eine halbe Stunde neben dem Kassierer stehen. Er ist neu, lernt noch die Bedienung der Kasse. Die Pfennigbeträge schwirren ihm um den Kopf; und ab und zu muß ein erfahrener Zöllner eingreifen. Die Kette der "Rückkehrer" aus Dänemark reißt nicht ab: "20 Pfund Butter, 10 Pfund Zucker, 10 Pfund Mehl – 10 Pfund Butter, 10 Pfund Zucker, 40 Eier – 30 Pfund Zucker, 4 Pfund Honig, eine Flasche Sahne" – ich kann nicht so schnell notieren, wie der Zöllner rechnet. – Jetzt naht eine junge Frau mit einem schweren Rucksack; sie kann ihn kaum tragen. Aber draußen warten ja der Omnibus und auch einige parkende Autos. "Vierzig Pfund Zucker", sagt die Frau. Ich bin überwältigt und trete an sie heran. Es ist ja Winter, keine Einmachzeit. Wozu braucht sie nur soviel Zucker? Rucksäcke und Taschen gleiten an mir vorbei. Draußen fährt ein Omnibus ab. Eine Gruppe "Einkäufer" wartet schon auf den nächsten.

"Das ist noch gar nichts", sagt ein Zollbeamter zu mir. "Freitags müßten Sie hier stehen oder am Monatsersten. Täglich werden mindestens 10 000 DM in Padborgs Lebensmittelgeschäften umgesetzt."

"Ist denn das nicht verboten?" frage ich einfältig, Ja, das hätte neulich auch ein Hamburger Großkaufmann gefragt, der entgeistert auf die in Viererreihen auf Abfertigung wartende Menschenmenge starrte. Er vertrieb Butter und hatte Angst um sein Geschäft. Aber die deutschen Kaufleute in der Umgebung haben sich schon darauf eingestellt. Zucker wird von ihnen überhaupt nicht mehr geführt. Sie sind nicht einmal böse darum, denn ihre Gewinnspanne ist beim Zucker zu gering. Und die Bauern? Sogar sie kaufen ihre Butter in Dänemark; denn selber buttern dürfen sie nicht, und in der Meierei müssen sie für ihre eigene Butter mehr Geld zahlen als in Dänemark für die fremde.