Die Entwicklung der Technik steht zur Zeit im Zeichen von Atomen, Elektronen und Ätherwellen. Aber nicht ein einziges dieser Elemente wurde von einem Techniker entdeckt. Sie entsprangen alle jenen Laboratorien, die der Philosophie, der Erforschung der Wahrheit, dienen. Heinrich Hertz würde es ablehnen, sich als Begründer der Ätherwellentechnik feiern zu lassen; er hat nicht einen einzigen Gedanken technischen Möglichkeiten gewidmet. Es ist freilich wahr: Heinrich Hertz ist der Entdecker des Äthers, aber erobert wurde der Äther von den Männern der Technik. Als Hertz 1889 auf der Naturforscherversammlung in Heidelberg seine Versuche, die er als Physiker der Technischen Hochschule Karlsruhe gemacht hatte, einem größeren Publikum bekanntgab, fanden sie allgemeines Interesse, weil seine Experimente eine philosophische Frage entschieden hatten, nämlich die Frage, ob eine unmittelbare, zeitlos in die Ferne wirkende Kraft möglich sei oder nicht!

Immer wieder empfindet der Mensch durch den Raum wirkende Fernkräfte als geheimnisvoll, etwa die eines Magneten auf ein entferntes Stück Eisen, selbst durch Holz oder Glas hindurch, weil wir uns eigentlich nur eine Kraftübertragung über verbindende Glieder, wie Stangen oder Flüssigkeiten oder Gase, die den Druck fortpflanzen, vorstellen können. Diese naive Auffassung der Nahewirkung, der Kraftübertragung durch ein Medium von Punkt zu Nachbarpunkt, stand im 19. Jahrhundert übrigens im vollen Gegensatz zu der herrschenden Ansicht der Akademiker! Nachdem Newton im Jahre 1687 das große Werk gelungen war, die Bewegung der Planeten am Himmel durch eine von der Sonne ausgehende unmittelbare Fernkraft zu erklären, hatte der Begriff der Fernkraft alles Geheimnisvolle verloren. Man konnte mit ihr rechnen.

Die neuen Erscheinungen der Elektrizität führten zu Beginn des Jahrhunderts zur Entdeckung von zwei neuen Kräften. Ruhende Mengen von Elektriziät zogen sich an oder stießen sich ab; zwischen ihnen herrschte die "elektrische" Kraft. Elektrische Ströme und Magneten und auch Ströme unter sich zogen sich an oder stießen sich ab; zwischen ihnen wirkte die "magnetische" Kraft. Merkwürdigerweise fand zwischen beiden Kräften keine Wechselwirkung statt; beide Kräfte bildeten abgeschlossene Reiche. Erst 1831 glückte es dem großen Experimentator Michael Faraday in London, die Grenze niederzureißen. Ihm gelang es, die magnetische Kraft in elektrische Kraft umzuwandeln; durch "Induktion". Damit hatte wieder ein Mann der reinen Forschung die Prinzipien für zwei grundlegende Elemente der Elektrotechnik angegeben: für den Generator des elektrischen Stroms und für den Transformator, für Apparate des Alltags von heute. Daß die Physiker mit diesen neuen Kräften ebenso rechneten wie mit der Newtonschen Gravitationskraft, erscheint nur selbstverständlich. Auch die elektrischen und magnetischen Kräfte übersprangen zeitlos den Raum.

Dieser durch die Autorität Newtons gefestigten Theorie der Wissenschaft gegenüber hielt ein Mann an dem naiven Glauben der Nahewirkung fest. Er konnte sich zwischen dem Magneten und dem Eisen nur ein Medium vorstellen, durch das die Kraft vom Magneten zu dem Eisen wie durch eine Brücke von Punkt zu Punkt übertragen wurde und dazu Zeit brauchte. Und dieser Mann war Paraday. War der Raum bisher nur ein leerer Behälter für Magnete und Eisenstücke, für geladene Kugeln und Spulen gewesen, so füllte Faradays Intuition jetzt den Raum mit einer großen Zahl verbindender "Kraftlinien", die etwa wie Gummibänder die Kraft zwischen Magnet und Eisenstück übertrugen. Hatte es bisher nur die Körper, nur die Materie und den an allem Naturgeschehen unbeteiligten Raum gegeben, so entwickelte sich nunmehr im Raum das Kräftespiel; der Raum wurde zum "Kraftfeld"; neben die Materie trat als zweites Agens der von Kräften erfüllte Raum, der Äther!

Auch für eine andere Erscheinung war die Vorstellung des Äthers nötig. Im Raum breiteten sich nicht nur Kräfte aus, sondern auch das Licht. Experimente zeigten, daß sich das Licht in Wellen fortpflanzt. Und als Träger dieser Wellen postulierte man den "Lichtäther". Alle diese Ideen wurden von einem mathematischen Genie ersten Ranges, von James Clerk Maxwell, in einem großartigen System zusammengefaßt, in der "Dynamischen Theorie des elektromagnetischen Feldes". Ihr Kernstück sind die berühmten Maxwellschen Differentialgleichungen des Äthers. Sie enthalten nicht nur die damals durch Experimente gesicherten Gesetze des Elektromagnetismus, sondern auch eine Hypothese: Maxwell glaubt, daß es noch eine zweite Induktion gibt, die Umkehrung der Faradayschen Induktion, das heißt: es sei auch möglich, eine elektrische Kraft in eine magnetische umzuwandeln,

Daraus würde sich für einen in einem senkrechten Draht pulsierenden Wechselstrom folgendes ergeben: Der Wechselstrom ist umgeben von einem pulsierenden Magnetfeld. Nach Faraday erzeugt dieses Feld um sich ein pulsierendes elektrisches Feld. (Das geschieht in jedem Transformator; das elektrische Feld liefert den Strom in der zweiten Spule!) Nach Maxwells Hypothese erzeugt das elektrische Feld um sich wieder ein magnetisches Feld, so daß nun in ununterbrochener Folge abwechselnd magnetische und elektrische Felder entstehen. Mit anderen Worten: wie im Wasser Wellen um einen hineingeworfenen Stein, so breiten sich um einen von Wechselstrom durchflossenen Draht im Äther elektromagnetische Wellen aus! Und diese elektromagnetischen Ätherwellen sind nach Maxwell das Licht!

So standen die Ätherwellen im Jahre 1864 als Phantasie eines Mathematikers auf dem Papier. Daß das Licht zu seiner Fortpflanzung Zeit braucht, wußten die Astronomen seit 200 Jahren, und neuere Messungen hatten ergeben, daß es in der Sekunde 300 000 Kilometer zurücklegt. Mit dieser Geschwindigkeit mußten sich also auch die elektrischen und magnetischen Kräfte ausbreiten: für eine Entfernung von drei Metern zwischen dem Elektromagneten und dem Stück Eisen wäre die Übertragungsdauer eine lOOmillionstel Sekunde!