Der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der US-Armee, Generalleutnant Gavin, teilte kürzlich in New York vor Wissenschaftlern mit, daß die Vereinigten Staaten eine neue Fernrakete besäßen. Fachleute meinen, daß diese sogenannte Jupiter-Rakete eine Mindestreichweite von 2700 Kilometern habe. Sie wurde unter der Leitung des deutschen Raketenspezialisten Wernher von Braun entwickelt, der seinerzeit in Peenemünde auch die V 2 gebaut hat.

Zur gleichen Zeit berichtete das amerikanische Nachrichtenmagazin U.S. News and World Report über die erste US-Rakete mit interkontinentaler Reichweite. Das Verteidigungsministerium der USA hat diesen Bericht bestätigt und ergänzend erklärt, daß die Entwicklung von Raketen mit einer Reichweite von über 7500 Kilometern so weit vorangeschritten sei, daß mit den ersten praktischen Versuchen an der Küste von Florida begonnen werden konnte. Das Geschoß ist mit einem mehrstufigen Antriebssatz versehen. Die Abweichung vom Ziel soll höchstens acht Kilometer betragen. Bei der enormen Zerstörungskraft – die radioaktive Verseuchung soll bis zu 300 Kilometer vom Explosionsort gefährlich wirken – ist das unerheblich. Als Kosten für dieses Projektil wird eine Million Dollar genannt (gegenüber acht Millionen für jeden Fernbomber).

Die Reaktion aus dem Osten auf diese Nachrichten erfolgte prompt. Die Prawda schrieb: "Die USA besitzen keineswegs ein Monopol auf dem Gebiet der Atomwaffen, noch viel weniger auf dem Gebiet der Fernlenkwaffen mit großen Reichweiten. Auf diesem Gebiet könne man eher davon sprechen, daß die USA überrundet worden sind." Und der sowjetische Verteidigungsminister Marschall Schukow erklärte anläßlich seiner Indienreise, sein Land verfüge über interkontinentale Raketen, die jeden beliebigen Punkt der Erde erreichen könnten. Es wäre unklug, in derartigen Erklärungen nichts als Propaganda zu sehen.

Amerikanische Sachverständige hatten seinerzeit damit gerechnet, daß der Westen noch etwa 10 bis 15 Jahre das Atombombenmonopol behalten werde. In Wahrheit war der Vorsprung der freien Welt auf dem Gebiet der Atombomben schon in vier Jahren neutralisiert. Es folgte das Wettrennen um die Wasserstoffbombe. Kurz nach den ersten Versuchen der Amerikaner mit Wasserstoffsprengsätzen auf dem Enivetok-Atoll, der sogenannten "Operation Greenhouse", gab Malenkow am 8. August 1953 in einer Rede vor dem Obersten Sowjet bekannt, das das H-Bomben-Monopol der Vereinigten Staaten gebrochen sei, und vier Tage später registrierten die Instrumente in den westlichen Observatorien die Detonation des ersten sowjetischen Wasserstoffsprengsatzes. Beim Abwurf von Wasserstoffbomben vom Flugzeug waren die Sowjets den Amerikanern sogar ein halbes Jahr voraus.

Wie haben die Sowjets es in einem Jahrzehnt fertiggebracht, nicht nur zu einer Luftmacht erster Ordnung zu werden, sondern sich auch auf dem Gebiet der Kernphysik und der Raketentechnik den Vereinigten Staaten ebenbürtig an die Seite zu stellen? Auf diese Frage versucht Adalbert Bärwolf in seinem soeben erschienenen Buch "Da hilft nur beten" (Dr. L. Muth Verlag, Düsseldorf) eine Antwort zu geben. Der Verfasser schrieb seine Darstellung auf Grund authentischen Materials aus erster Hand, das zuvor noch nicht veröffentlicht worden ist. Die technischen Angaben und Konstruktionsschilderungen basieren auf Aussagen deutscher Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure, die erst vor kurzem aus den Forschungsinstituten und Rüstungszentren der Sowjetunion nach dem Westen zurückgekehrt sind. Miteiner Mischung von Staunen und Schrecken lernt man hier die Geschichte des sowjetischen Aufstiegs zur Atom- und Raketenweltmacht kennen.

Der 22. Oktober 1946 verdient es, als ein markantes Datum in der Geschichte des 20. Jahrhunderts festgehalten zu werden. An diesem Tage wurden 6000 deutsche Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker aus der sowjetischen Besatzungszone zusammen mit ihren Familien nach der Sowjetunion deportiert. Die Aktion war von langer Hand vorbereitet. Die Sowjets hatten genaue Kenntnis über die frühere Tätigkeit jedes einzelnen. Sie wußten, wer für ihre Zwecke wichtig war undwer nicht. – Wie die Ergebnisse zeigen, haben die Sowjets mit dieser Deportation genau das Ziel erreicht, das sie erreichen wollten: den westlichen Rüstungsvorsprung aufzuholen. Am sichtbarsten ist dieser Vorgang in der Raketentechnik, den Bärwolf eingehend nachzeichnet. – Die erste Garnitur der Raketenspezialisten von Peenemünde mit ihren bekannten Namen hatten zwar die Amerikaner in ihre Dienste genommen; aber den Sowjets war die "zweite Garnitur" – meist Leute, die bei der Entwicklung bestimmter Konstruktionselemente, etwa der Treibstoffpumpen oder der automatischen Steuerung besondere Erfahrungen gesammelt hatten – genauso willkommen.

Während in den USA Wernher von Braun an der Weiterentwicklung der V 2 arbeitete, beschritt das deutsche Raketenforscherteam in der Sowjetunion unter der Leitung von Dr. Schulz ganz andere Wege. Während die Weiterentwicklung der Einstufenrakete Wernher von Brauns weitgehend bekanntgeworden ist, lag über der sowjetischen Kegelrakete, die Schulz und seine Mitgefangenen in Zentralasien gebaut haben, der Schleier tiefsten Geheimnisses. Mit dieser Kegelrakete besaßen die Sowjets aber schon vor mehr als drei Jahren ein interkontinentales Geschoß von 3000 Kilometer Reichweite. Auch die Schulz-Rakete ist eine Flüssige keitsrakete. Das Geheimnis ihrer großen Reichweite besteht darin, daß sie (entgegen der hohen Anfangsgeschwindigkeit der V 2) sich relativ langsam in die Atmosphäre erhebt und ihre höchste Geschwindigkeit erst in etwa 30 Kilometer Höhe erreicht. Luftwiderstand und Erdanziehung spielen in dieser Höhe praktisch kaum noch eine Rolle. Und während die V 2 eine starre Hülle verwendet, werden die Brennstofftanks der Schulz-Rakete ähnlich wie ein Luftballon oder ein Schlauchboot unter inneren Überdruck gesetzt. "Fällt diese Rakete", schreibt Bärwald, "nach ihrem Brennschluß und ihrem interkontinentalen Flug durch den Leerraum in die dichte Erdatmosphäre zurück, dann löst sich der Gefechtskopf vom Raketenrumpf ab und fliegt mit seiner Atomladung allein weiter. Die Bleche der Brennstofftanks werden wie eine Tüte zusammengedrückt und fallen wie ein großer Papierknäuel zur Erde."