In der jüngsten Vergangenheit ist es mehrfach vorgekommen, daß die Aufsichtsräte eine höhere Dividende beschlossen haben, als die Vorstände eigentlich verantworten wollten. Das ist an den Börsen nicht unbemerkt geblieben und hat die Erwartungen gestärkt, daß auch andere namhafte Unternehmen sich entschließen werden – entgegen ihrer bisher verkündeten Absicht –, die Dividende um ein Prozent aufzustocken. So wird jetzt offen von der Möglichkeit gesprochen, daß die IG-Farben-Nachfolgegesellschaften die bisher betriebene Politik der Einheitsdividende aufgeben und die Farbenfabriken Bayer unter Umständen mit 10 v. H. für 1956 herauskommen werden. Dann wäre der Kursunterschied, der jetzt zwischen Bayer mit 188 1/2, Bad. Anilin mit 176 und den Farbwerken Hoechst mit 176 besteht, gerechtfertigt. Cassella (mit einem Kurs von 266) ist wegen der bestehenden Mehrheitsverhältnisse ein Sonderfall, der außerhalb aller Berechnungen bleiben kann.

Der frische Wind der Dividendenhoffnungen, die sich bei den betreffenden Papieren als die beste Kursstütze in der vergangenen, von Rückschlägen reichen Börsenwoche erwiesen haben, machte bei den Bankaktien nicht halt. Obgleich die Großbanken-Nachfolger zu verstehen gegeben haben, daß die Dividende der Vereinsbank in Hamburg von 12 v. H. kein Präzedenzfall sein kann, wollen die Gerüchte nicht verstummen, nach denen auch die Nachfolgerinstitute – wenigstens teilweise – bereit sein sollen, ihre Aktionäre an den zweifellos guten Erträgen des abgelaufenen Geschäftsjahres mit einer Dividende, die höher als 10 v. H. sein wird, zu beteiligen. Vielleicht wird auch hier die vielfach kritisierte Einheitsdividende fallen. Bankaktien lagen an den Krisentagen relativ gut behauptet; für Regionalbanken (z. B. Schleswig-Holst. Westbank) bestand dabei ein ständiges Kaufinteresse.

Am Montanmarkt gab es im Gegensatz zu fast allen anderen Gebieten sogar Geld zu verdienen. Nachdem nämlich die Hoesch-Verwaltung keinen Zweifel mehr daran gelassen hatte, daß sie für 1955/56 wieder nur 7 v. H. zahlen wollte (und sich deshalb nicht nur den Unwillen ihrer Aktionäre, sondern auch den der Schutzvereinigung zuzog), beschloß der Aufsichtsrat eine Dividende von 8 v. H. Dadurch stieg der Hoesch-Kurs ziemlich plötzlich von 129 auf 138 v. H. Wer also rechtzeitig orientiert war – und das war offensichtlich eine Gruppe, die noch gar nicht solange im Wertpapiergeschäft tätig ist –, der konnte einen schönen Gewinn mitnehmen. Die Dividendenerhöhung bei Dortmund-Hörder von fünf auf sechs v. H. brachte dem Kurs keine Anregung. Im Gegenteil: er fiel sogar leicht um einige Punkte zurück. Die Börse rechnet jetzt mehr und mehr nach der Rendite, und ein sechsprozentiges Aktienpapier wird heute nur noch in Ausnahmefällen über 130 v. H. bewertet, denn Aktien, bei denen neun v. H. Dividende gezahlt werden, sind schon zu 164 bis 167 v. H. (Mannesmann und Phoenix-Rheinrohr) erhältlich. Ob dieses scharfe Renditerechnen richtig ist, kann sich erst später herausstellen, vorläufig wird der Kurs jedoch in erster Linie durch die Dividende bestimmt. Daran mußten sich auch Unternehmen gewöhnen, die bislang glaubten, durch ihren "guten Namen" eine Sonderstellung einnehmen zu können.

Die Konditionen der Kapitalerhöhung (Ausgabekurs 120 v. H.) versetzten dem AEG-Kurs in der vergangenen Woche einen harten Stoß. Er fiel auf 175 zurück; inzwischen hat er wieder um einige Punkte angezogen. Eine vorläufige Rundfrage einiger Banken bei den AEG-Aktionären ergab eine relativ geringe Bereitschaft, von den Bezugsrechten Gebrauch zu machen. Siemens litten zeitweilig unter Ausländerverkäufen, die eine Folge der schwachen New Yorker Börse waren.

Der freiwillige Emissionsstopp am Rentenmarkt (für achtprozentige Anleihen der Industrie und der Länder) hat zwar zu einer Beruhigung geführt, aber noch keinen Umschwung in der grundsätzlichen Beurteilung gebracht. Mit Sorge betrachtet die Börse Bestrebungen in der Schweiz, die Zinsen aus den deutschen achtprozentigen Anleihen für die Schweizer steuerpflichtig zu machen. Bislang waren dort alle Zinseinnahmen aus deutschen grundbuchgesicherten Schuldverschreibungen steuerfrei. Kommt es zu einer Steuerpflicht, dann entfällt ein wichtiger Anreiz zum Erwerb der hochverzinslichen Stücke; außerdem muß mit einem Verkaufsdruck gerechnet werden. – Auslandsbonds hielten sich angesichts der aktiven Kurspflege bemerkenswert gut. Peinlich war dagegen, daß die fünfprozentige Lastenausgleichsanleihe selbst zu 91 v. H. nicht immer voll aus dem Markt genommen wurde. Sie ist das Opfer von Tauschoperationen, die zugunsten einiger vierprozentiger Pfandbriefemissionen vorgenommen werden, bei denen eine gute Nettorendite und eine hohe Rückzahlungsmarge geboten wird. -ndt