Wenn auch manche Hamburger aus "bürgerlichen" Kreisen es bedauert haben, als im Dezember 1953 Max Brauer, der Sozialdemokrat und vorige Bürgermeister Hamburgs, nach dem Wahlsieg des "Hamburg-Blocks" das Rathaus verlassen mußte, so dürften auch manche Hamburger aus SPD-Kreisen heimlich einverstanden sein, sollten sie auch in der nächsten Regierungsperiode den "bügerlichen" Bürgermeister Kurt Sieveking behalten können. Während Brauer inzwischen an Sympathie verloren hat, weil er nach seiner damaligen Niederlage den Groll nur allzuwenig verbergen konnte – in Hamburg liebt man den "guten Verlierer" – hat Sieveking in den mehr als drei Jahren seiner Regierung sehr viel an öffentlicher Beliebtheit gewonnen, obwohl es ihm an der Kunst der großen Geste gebricht, die sein Vorgänger geschickt, wenn auch maßvoll, handzuhaben wußte. Bezeichnend aber ist, daß beide nichts aufeinander kommen lassen. Und dies gereicht dem einen wie dem anderen zur Ehre, dem zurückhaltenden "Patrizier" wie dem aufbrausenden "Volksmann".

Als Brauer im Amt war, ist es ihm nicht eingefallen, sich von seinem Senatssyndikus zu trennen, von Sieveking nämlich, den der erste Bürgermeister der Nachkriegszeit, Petersen, sozusagen als seinen Staatssekretär berufen hatte. Sieveking, Sproß einer der wenigen berühmten hamburgischen Familien, deren Väter sich als Syndici, Juristen, Ärzte, Senatoren und Bürgermeister um ihren Stadtstaat verdient gemacht haben, waltete still und sachlich seines Amtes, bis er 1951 als deutscher Generalkonsul und späterer Gesandter nach Stockholm ging. Und dies kennzeichnet Sievekings Typ und die Art seines Auftretens und seiner Arbeit: daß er mit kühler Freundlichkeit empfangen, jedoch mit großem Bedauern und herzlichen Beteuerungen der Freundschaft entlassen wurde. Hamburg, nach wildem Wahlkampf, atmete auf: Mit Sieveking als dem neuen Bürgermeister würde wieder gut hamburgische Gesittung im Rathaus einziehen. Und niemand wurde darin enttäuscht.

Personalpolitik – das ist das entscheidende Wort. Welch ein Unding, wenn bei jeglichem Regierungswechsel auch möglichst viele Beamte ihre Posten wechseln, an andere Pulte gehen oder in Pension! So nahe es liegt, daß neue Chefs neue Mitarbeiter mitbringen, so wünschenswert ist es, daß solche Arrangements auf den allerengsten Kreis beschränkt bleiben, damit die Kontinuität, die Stetigkeit der Arbeit, nicht gefährdet werde. Für diese Stetigkeit hat Sieveking zu seinem Teil gesorgt, wobei er sich freilich in vielen Punkten mit seinem Vorgänger Brauer einig wissen durfte. Mögen die Politiker kommen und gehen – die Fachleute, soweit erprobt, bleiben. Das ist gut demokratischer und gut hamburgischer Brauch und hindert nicht, den rechten Mann auf den rechten Platz zu stellen, wie dies Sievekings große und erfahrungsreiche Kunst ist. Und doch ist er der Meinung, daß die Verwaltung noch immer zu schwerfällig arbeite. Da gibt es die Deputationen (Ausschüsse aus bürgerlichen Mitgliedern), den Senat (die Regierung) und die Bürgerschaft (das Parlament). Und Sieveking meint, zu viele Gremien seien in jeweils den gleichen Sachen zu gründlich beschäftigt. "Es sollte getrost die Bürgerschaft mehr den Deputationen vertrauen", sagt er und fürchtet, es werde heute eher zu viel als zu wenig regiert...

Er glaubt, daß möglichst viel Selbstverwaltung sinnvoll sei, wenn nur in der Durchführung der Beschlüsse die Fachleute rechtzeitig gehört würden. Vorläufig werde auch Hamburg noch zu sehr zentral regiert, wenn auch die englische Idee "möglichst viel Selbstverwaltung" nach dem Kriege auf guten Boden gefallen wäre, am Ende deshalb, weil es ohnehin eine Grundidee dieser alten Stadtrepublik ein Prinzip, das anderwärts vielleicht gefährlich, in der Hansestadt jedoch praktikabel und von großem Nutzen sei, da auf diese Weise das Interesse des einzelnen am öffentlichen Geschehen fast die Züge persönlicher Anteilnahme trägt.

Es wird in den deutschen Ländern, deren erster Sprecher Dr. Sieveking als der Präsident des Bundesrates augenblicklich ist, manchmal ein seltsames Spiel gespielt: Wird die Landesregierung von einer Partei getragen, die zur Bonner Regierung in Opposition steht, so wird das eigene Verdienst im eigenen Lande derart parteipolitisch hochgelobt, als habe der politische und wirtschaftliche Aufstieg der Bundesrepublik nur wenig Anteil an der Blüte des einzelnen Gebietes. Sieveking hat schon deshalb keinen Grund, sich so zu verhalten, weil er seit einigen Jahren der CDU angehört. Er, der übrigens ein überzeugter Föderalist ist, bewegte sich aber auch in jungen Jahren schon auf der Ebene der großen Politik, wo man das Ganze sieht, nicht nur die Teile: damals, Anno 1924, als er in der Amerika-Stelle des Auswärtigen Amtes (mixed claims commission) tätig war. In seiner Rechtsanwaltszeit in Hamburg (1925 bis 1934) hatte er überdies Gelegenheit, hinter die Kulissen zu sehen, als er den Vetter Max Warburgs, den Teilhaber des international verzweigten Bankhauses M. M. Warburg, nämlich Dr. Carl Melchior, den deutschen Delegierten im Finanzkomitee des Völkerbundes, nach Genf begleitete. Worauf die Beziehungen so eng wurden, daß Sieveking Syndikus dieser Bank und später ihr Generalbevollmächtigter wurde; er blieb dies auch in der Nachfolgefirma Brinckmann, Wirtz & Co. Wenn irgendwo ein Mann am rechten Platz ist, dem die hohe Politik, die diplomatische Praxis und das Geschäftsleben vertraut sind, dann auf dem Bürgermeisterstuhl der Hansestadt Hamburg, die vom Handel lebt wie von der Industrie und deren Gedeihen ohne die engsten Auslandsbeziehungen gar nicht denkbar ist.

Wie aber kam nun Sieveking, dieser besonnene Geist und kluge Taktiker, der alles andere als ein Volksredner ist und dem die hanseatischen Brusttöne völlig fehlen, kürzlich dazu, mit einer Ansprache im Kreise auswärtiger Journalisten Anstoß zu erregen? Er sprach von Polen und davon, daß die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu diesem Lande notwendig seien. Er sagte, Polen habe ein vitales Interesse daran, endlich einmal zu festen Grenzen zu kommen, und man müsse sich klar-’ machen, "daß, auch wenn gewisse Korrekturen möglich sein müßten, doch die polnische Ostgrenze gegenüber Sowjetrußland weitgehend festliegt, so daß man bei Behandlung der westlichen Grenzfragen diesem realen Tatbestand Rechnung tragen muß". Tableau! Sturm in den Blättern der Heimatvertriebenen; Tumult im Kieler Landtag, wo die Flüchtlingsvertreter gegen den Ersten Bürgermeister Hamburgs protestierten; und neuerlich die streitbare Erklärung des BHE, der es jedem Mitglied dieser Partei verbietet – ja: verbietet! –, an den Feierlichkeiten anläßlich des Geburtstages des Bürgermeisters und Bundesratspräsidenten Sieveking teilzunehmen.

Sicherlich sind Sievekings Bestrebungen und Anregungen, ein normales Verhältnis zu Polen zu gewinnen – ein Ziel, das ohne Opfer nicht zu erreichen sein wird, wie jeder weiß –, von der Sorge um den Bestand Deutschlands, ja selbst um Wiedervereinigung diktiert. Daß es aber gerade Hamburgs Bürgermeister war, der hier als Sprecher auftrat, liegt deshalb nahe, weil diese Hansestadt an der Elbe seit eh und je das Tor zu unseren östlichen Nachbarn war. Man hat hier vielleicht eher als anderswo Witterung für kommende Möglichkeiten; auch Wirklichkeitssinn genug, den Realitäten ins Augen zu sehen, auch Courage und Offenherzigkeit genug, die Dinge so zu kennzeichnen, wie man sie sieht. So glücklich übrigens die Harmonie von Industrie und Handel im Großhamburg von heute geordnet scheint – der Hafen ist immer noch der Platz, an dem Hamburg am hamburgischsten ist. Wer hier politisch denkt, denkt vom Hafen aus und weiß: Dies ist nicht bloß Hamburgs Hafen, es ist der Hafen zum europäischen Osten.

Man wird nicht fehl gehen, wenn man prophezeit, daß – den Protesten zum Trotz – auch bei der nächsten Landeswahl Dr. Sieveking an der Soitze der Vertreter des Hamburg-Blocks kandidieren wird. Was nämlich in der kühlen Luft dieser Stadt den Hamburgern auffällt, ist die Tatsache, daß die Proteste gegen Sieveking einen allzu schäumenden, von Beleidigungen nicht weit entfernten Wellenschlag haben. Während doch Sievekings Rede die Rede eines besonnenen Mannes war, mehr als Anregung denn als Ratschlag oder gar als Forderung gemeint, inspiriert von der-Sorge um Deutschland und die Deutschen, zu denen die Flüchtlinge gehören. Josef Müller-Marein