In Göttingen ist etwas los. Da sitzt nicht nur der neonazistische Verleger Schlüter, Niedersachsens skandalöser Kultusminister für zwei Wochen. Da schlägt der Antinazi Heinz Hilpert seine private Theaterbrücke instinktlos über die Zonengrenze, da intrigiert zum Beispiel gegen den Oberstadtdirektor der Ministerialdirektor des weiland Reichspropagandaministeriums Hans Hinkel. Hinzugestoßen ist sein nicht nur ehemals untergebener Regierungsrat Ernst Jänicke, BHE-Abgeordneter im Göttinger Stadtrat mit dem Titel "Senator". Beide spielen eine Rolle in einem Eklat, der augenblicklich ein Dutzend Städte an der Zonengrenze erregt.

Als das Göttinger Stadttheater auf Hilperts Wunsch zum reinen Schauspielhaus umgebildet wurde, machte sich das entlassene Orchester selbständig. Mit rund 130 000 DM öffentlicher Unterstützung, vermehrt am die winterlichen Eigeneinnahmen, erweitert um Rundfunkkonzerte und sommerliche Kurmusik in Norderney, bildet dieser "Eingetragene Verein" schon eine gute Basis für die Einschaltung altbewährter Propagandakämpen.

In Göttingen dirigierte bisher Günther Weißenborn. Eine Nebenbeschäftigung hatte angesichts des schmalen Göttinger Salärs aber auch dieser Weißenborn. Er arrivierte inzwischen als Konzertpianist und machte seinen Namen bekannt zum Beispiel als Liedbegleiter von Dietrich Fischer-Dieskau. Ahnten die Orchestermitglieder, als sie Weißenborn in der Jahresversammlung vom 23. Januar 1957 zum Rücktritt nötigten, wessen Ambitionen sie mit ihrer Revolte Vorspanndienste leisteten? Hans Hinkel, Mitglied des Göttinger Orchestervereins und vor Jahren bei einem ersten Versuch zur Machtergreifung durch den damaligen Vorsitzenden, Professor Dr. Hans Neumann, zurückgeschlagen, flüsterte jetzt einige Worte mit seinem Regierungsrat von ehedem, mit Ernst Jänicke. Mit Hilfe der Orchestermitglieder wurde er erster Vereinsvorsitzender.

Aber anders als in der Weimarer Republik stößt heute die formaljuristische Ausbeutung der Demokratie auf Widerstand. Bereits am 6. Februar trafen sich in Goslar die Vertreter jener Städte, die vom Göttinger Symphonieorchester bespielt werden. Sie gaben "ihrer ernsten Sorge über den Fortbestand des Orchesters Ausdruck" und erklärten, "daß der neue Vorstand ihr Vertrauen nicht genießt". Goslar, Northeim, Salzgitter, Bad Lauterberg, Einbek kündigten die Konzert Verträge. Aber in der am 12. Februar abgehaltenen Mitgliederversammlung des Göttinger Orchesters hinderte Jänicke den Sprecher jener opponierenden Konzertveranstalter, Dr. Cramer (Goslar), am Sprechen. Hinkel-Schüler Jänicke verlangte "einstimmige Annahme" ohne Diskussion für eine Entschließung, die mit einer deklamatorischen Ehrenerklärung für die Gestürzten Durchhalteparolen des neonazistischen Vorstands enthielt.

So kämpfen sie um Göttingen als Zelle: im Hintergrund Hans Hinkel, Sonderkommissar des Dritten Reiches für das Judenproblem unter Künstlern, Bevollmächtigter der Reichsregierung für den totalen Kriegseinsatz des Großdeutschen Rundfunks, von Goebbels belohnt mit dem Rang eines Ministerialdirektors – nach dem bekannten Paragraphen 131 "zur Wiederverwendung" in der Bundesrepublik berechtigt. Im Vordergrund Ernst Jänicke, Redakteur in Goebbels Berliner Boulevardblatt "Der Angriff", befördert zum Referenten im Propagandaministerium, abgestellt nach Warschau zur Hauptabteilung Kultur beim deutschen Generalgouverneur für Polen, 1944 angeblich zum Regierungsrat ernannt – nach § 131 "zur Wiederverwendung" berechtigt in der Bundesrepublik. Sprungbrett: Abgeordneter des "Bundes der Heimatlosen und Entrechteten" (!). Fassade: Orchesterkultur in Südniedersachsen. Das Opfer: Göttinger Orchester. j. j.