Aufgezeichnet von Theamaria Lenz

Der Streit in Frankreich um das mittlerweile neunjährige dichtende "Wunderkind" Minou Drouet, das von manchen als frühreifes lyrisches Talent verehrt, von anderen als Strohpuppe seiner suggestivkräftigen Pflegemutter betrachtet wird, will nicht verstummen, und das Mädchen befleißigt sich dabei sehr, dem Rummel um seine Person immer neue Nahrung zu geben: In einer Audienz bei Papst Pius XII. erklärte sie kürzlich dem Heiligen Vater freimütig: "Ich habe stets in sämtlichen Kirchen den lieben Gott gesucht, habe jedoch lediglich Kirchenfenster und Weihwasserkessel gefunden." Dieses Kind hat auch in Deutschland die literarischen Kreise sehr stark beschäftigt, die über diesem scheinbar Besonderen bisher darüber hinweggesehen haben, daß es hierzulande eine ganze Reihe dichtender Kinder gibt – Martin Roda-Becher ist nur eines von ihnen – deren Wirken oft beachtlicher ist als die lyrischen Ergüsse der kleinen Französin. Die Schauspielerin Theamaria Lenz sammelte in langen Jahren viele Beispiele aus der Feder dichtender Kinder und gibt hier eine Auswahl.

Während man seit Jahren den Malereien und Zeichnungen von Kindern viel Aufmerksamkeit schenkt, blieb das, was Kinder im Wort gestalten, in der Öffentlichkeit verhältnismäßig unbeachtet. Nicht zuletzt die Fälle der gezüchteten "lyrischen Wunderkinder" haben unser Mißtrauen besonders erregt, ob kindliche Dichtungen einem echten, persönlichen Aussagebedürfnis entspingen oder einer Eitelkeit, die oft genug von Erwachsenen mit Hilfestellungen geschürt wird. Kindliche Dichtungen werden darum immer mit einer gewissen Skepsis aufgenommen. Selbst wenn man an der Echtheit der Aussage nicht zweifelt, glaubt man das Phänomen mit "literarischer Belastung" und dem Einfluß des elterlichen Milieus erklären zu können.

Tatsache hingegen ist, daß manche Kinder sich ebenso stark gedrängt fühlen, das, was sie bewegt, mit Worten zu gestalten, wie andere, sich malend oder zeichnend auszudrücken. Manche Gespräche mit Kindern, in denen ihre wortschöpferische Begabung und ihr erstaunliches Denkvermögen zum Ausdruck kamen, habe ich wörtlich aufgeschrieben und im Laufe vieler Jahre auch zahlreiche Proben kindlicher Dichtung gesammelt. Dazu angeregt wurde ich durch den Erlebnisbericht eines kleinen Freundes; "Über meine Mandeloperation":

Als ich jüngst bei Doktor war,

da hat ich Angst, das ist ja klar.

Ich hatte kranke Mandeln,