Das Kleine Walsertal, dieses Kuriosum – nicht der Natur, sondern der Politik, hat an seinem Zugang, nicht weit hinter Oberstdorf im Allgäu, eine Grenze, die Walserschanze, an der noch immer deutsche Zöllner Fußgänger und Autos anhalten, um nach dem Personalausweis zu fragen. Nach etwas anderem zu fragen, wäre wenig sinnvoll. Denn das Tal ist zwar österreichisches Hoheitsgebiet, aber wirtschaftlich gehört es zur Deutschen Bundesrepublik, und die Bewohner sind darüber offenbar nicht unglücklich. Sie wachen mit Sorgfalt darüber, daß ihnen keine Nachteile erwachsen, zum Beispiel bei den Postgebühren. Es gilt der deutsche Inlandtarif, obwohl die Postämter nur österreichische Marken ausgeben. Aber das bleibt das einzige Zeichen, daß man nicht in Deutschland ist.

Man kann nur von Deutschland her in das Tal einfahren, es sei denn, man wählte einsame Bergpfade im Widdersteingebiet, seinem markanten Abschluß. Auf Hochtouren begegnet man zuweilen überraschend grünen Grenzjägern auf Skiern. Es ist aber nie genau zu erfahren, ob der Schmuggel sich hier oben lohnt, ob es ihn überhaupt gibt. Vielleicht nutzen die schweigenden Beamten die Schönheiten des Tals in aller Stille zu nichts anderem wie die Fremden. Denn hierherzufahren, hat aus mancherlei Gründen Vorzüge und Reize. Das Tal ist windgeschützt und sonnig. Es ist durch ein relativ stetiges Wetter gesegnet, es besitzt eine ziemlich hohe Schneesicherheit. Und es bietet allen Rangklassen von Wintersportbeflissenen Möglichkeiten: vom Skihügel "hinter dem Gasthof" bis zur hochalpinen Abfahrt. Man findet einsame Spazierwege durch Märchenwinterwald.

Bei aller Großartigkeit bleibt die Natur idyllisch. Sie ist noch faßbar und liebenswert, sie nimmt einem nicht den Atem wie in den Regionen der Dreitausender. Neben dem Hoch-Ifen, der wie die Tafel eines riesigen Göttertisches wirkt, gibt es freundliche Berge wie das Hahnenköpfle, sehr beliebt als Skiabfahrtstour, oder den Heuberg, der beinahe noch Schwarzwaldcharakter hat.

Wer sich nicht schlüssig ist, in welchem Ort er bleiben soll, dem sei empfohlen, einmal die Omnibuslinie von Oberstdorf nach Mittelberg zu benutzen, sie verkehrt stündlich und braucht für diese Strecke 60 Minuten. Die Busse der Deutschen Bundespost sind vorzüglich und nicht teuer. Man kommt dann hinter der Grenze zuerst nach Riezlern. Hier hat man nicht nur die Kanzelwand-Schwebebahn (mit einem gefahrlosen Skigelände in der prachtvoll weiten Gipfelmulde) oder die "Kleine Persenn" (eine Zwei-Kilometer-Piste über sanfte Hügel, auf denen man das Schwingen fast von selbst lernt), sondern am Nachmittag auch Cafés und Läden zur Verfügung und am Abend Tanzlokale. Riezlern ist am belebtesten (wie Oberstdorf auf der deutschen Seite am Eingang zum Walsertal), ein städtisches Skidorf. Nach drei Kilometern, in Hirschegg, ist es schon ruhiger, aber es gibt auch Weinstuben und Hotelbars. 500 Meter hinter den letzten Häusern trifft man kaum mehr einen Menschen, wenn man die richtigen Wege geht.

Und dann die vorletzte Station, die älteste Talsiedlung: Mittelberg. Der Ort liegt 1200 Meter hoch, er verbindet angenehm Ursprünglichkeit, Stille und Komfort. Aber hier ist noch nicht das Ende. Mit einer Bus-Nebenlinie geht es noch vier Kilometer weiter bis nach Baad. Das ist der südlichste Ort des Kleinen Walsertals. Viele Bergwanderungen und Hochtouren nehmen hier ihren Ausgang. Durch das Bärgunttal geht es in die letzten Ausläufer, sie münden in den Saumpfaden des Passes. Auf der anderen Seite kommt man in den Bregenzer Wald.

Alles ist zugleich belebt und einsam, denn die Menschen im Zeitalter des Tourismus haben die Neigung, sich nur an wenigen Punkten in Massen zu verbinden: auf der gut ausgebauten und immer schneegeräumten Talstraße oder auf den Pisten. Noch in Rufweite aber ist man ihnen entrückt, wenn man geselliger Ballung entfliehen möchte.

Es gibt auch stille und weniger stille Zeiten im Jahr. Der Oktober und der Januar sind zum Beispiel Monate für den Kenner, und wem die Tage dann zu kurz und die Sonnenstrahlen zu schwach sind – Kraft genug haben sie hier oben immer noch, um gestärkt und braun nach Hause zurückzukehren. Und mehr als fünf Stunden täglich braucht man wirklich nicht auf den Brettern zu stehen, obwohl die jetzt im Februar eingetroffenen Skifanatiker das zu glauben scheinen. Ruhig vor sich hingehen oder lesen oder einfach nichts tun, ist auch etwas. In diesem Jahr nun zwingt die Schneeknappheit dazu, die hohen Schneelagen in langen Wanderungen und Anstiegen zu erreichen. Der Februar und der März gehören zur Hochsaison, für diese Monate muß man sich rechtzeitig anmelden. Dafür gibt es heute genug Möglichkeiten, auch durch die Pauschalreisen der Reisegesellschaften. Die Preise bewegen sich zwischen 7,50 und 30,– DM für die Vollpension. Aber viele begnügen sich mit Zimmer, einschließlich Frühstück, und wählen dann Mittag- oder Abendessen in einem der Gasthöfe.