Wer sich heute der Fülle der Goethe- oder Shakespeare-Literatur nähert mit der Absicht, den Stand der Forschung zu erkunden, der läuft Gefahr, Jahre zu verlieren. Der "embarras de richesse", dem er sich ausliefert, ist eher geeignet, ihn abzuschrecken oder sogar den Mut zur unbelasteten Lektüre der Werke selbst verlieren zu lassen, als ihm den Einblick ins Wesentliche zu’erleichtern. Was dem Jünger der einschlägigen Wissenschaft zum Alptraum wird, das ist dem Literaturliebhaber schon gar nicht mehr zuzumuten. Wieviel mehr gilt dies erst bei einer Dichtung in fremder Sprache, entstanden unter ferngerückten geschichtlichen Voraussetzungen und einem Weltbild verpflichtet, zu dem wir nur mit größter Mühe den Zugang finden.

Ein Musterfall ersten Ranges ist die "Göttliche Komödie" des Dante Alighieri. Die Geschichte ihrer Deutungen setzt schon mit Giovanni Boccaccio ein, aber auch die deutsche Wissenschaft hat keinen geringen Anteil an der Dante-Forschung. Die aufopfernde Arbeit einer das Wichtige vom Entbehrlichen sondernden Zusammenfassung der bisherigen Versuche zur Deutung und Erklärung von Dantes Werk hat jetzt der Kieler Ordinarius für Romanische Philologie, Hermann Gmelin, auf sich genommen und bisher zwei von den drei geplanten, Bänden seines Kommentars vorgelegt:

Dante: "Die Göttliche Komödie." Übersetzt von Hermann Gmelin. Kommentar I. Teil: "Die Hölle", II. Teil: "Der Läuterungsberg." Ernst Klett Verlag, Stuttgart; 495 und 535 S., je 26,50 DM.

Gmelin hat nicht nur längst einen Namen als Dante-Forscher, er hat im gleichen Verlag auch eine Übertragung der 14 233 Verse umfassenden "Göttlichen Komödie" veröffentlicht, die mit Recht als die beste aus einer im Jahre 1763 einsetzenden langen, Namen wie König Johann von Sachsen, Karl Vossler, Stefan George und Rudolf Borchardt aufweisenden Reihe von deutschen Übersetzungen gilt. Gemelin nennt seine Arbeit an einem fast unübersehbar gewordenen Stoff allzu bescheiden "Versuch einer Art kritischer Bestandsaufnahme". In Wahrheit handelt es sich um eine aus profunder Sachkenntnis gespeiste, zu einem substantiellen fortlaufenden Kommentar des Danteschen Wunderwerks umgesetzte Sichtung der Resultate. 600 Jahre ununterbrochenen Kommentierens haben hier ja noch längst nicht alle Rätsel gelöst und auch scheinbar befriedigende Lösungen immer wieder in Frage gestellt.

Gmelin war mit bloßer Sammelarbeit nicht zufrieden. Die Masse des aufzuarbeitenden Materials forderte gebieterisch eine Auswahl, die dem Bedürfnis nach einer Konservierung des bereits Gesicherten und der Bereitung von Ausgangsstellungen für weitere Forschungen gleichermaßen dient. Neben der unerläßlichen Einlagerung der Danteschen Dichtung in die Literatur der Antike liegt bei Gmelin ein starker Akzent auf den eigentlich dichterischen Motiven und Themen, den Stil-und Strukturfragen, also auf der im engeren Sinne literarischästhetischen Problematik.

Ein hochgelehrtes Werk also? Aber kann es dann. auch den offen bekundeten Anspruch, außer der Fachwelt auch dem Laien zu dienen, mit Recht erheben? Jedem Kommentarband ist nicht nur eine ausgedehnte Bibliographie, sondern auch eine einführende Würdigung und Charakteristik der Danteschen Jenseitsreiche vorangestellt, die ebenso verständlich wie inhaltsreich ist. Das gleiche gilt für die Übersichten, die im Verein mit spezielleren Literaturhinweisen jeden einzelnen der 100 Gesänge der Dichtung einleiten. Die einzelnen Gesänge selbst werden zusätzlich nach ihren Hauptthemen gegliedert, und diese jeweils gesondert gewürdigt, bevor der fortlaufende Kommentar Vers für Vers wieder aufgenommen wird. Der Kommentar gibt jede erläuterte Stelle im verkürzten Originaltext mit dem deutschen Text nach der in zweisprachiger Ausgabe erschienenen Gmelinschen Übersetzung an.

Wenn der in Vorbereitung befindliche dritte Band des Kommentars mit vollständigem Literaturverzeichnis und detaillierten Registern vorliegt, werden wir feststellen können, daß Gmelins im Verein mit der Übersetzung sechsbändiges Dante-Werk im deutschen Sprachbereich auf Jahrzehnte hinaus für Dante-Forscher und Dante-Liebhaber die Rolle des maßgeblichen Grundbuches zukommen wird. Erich Köhler