Die Eheleute Tiegel, beide hoch in den Siebzigern, warteten auf ihren Tod. Frau Tiegel hatte entdeckt, wie bittersüß es sei, sich von der Welt abzukehren und immerfort ans eigene Ende zu denken – ans Leichenhemd, ans Begräbnis, an den ewigen Schlummer. Auch Herr Tiegel spann sich in solche Gedanken ein. Wenn die Alten spazierengingen, auf Stöcke gestützt, mit kleinen, schlurfenden Schritten, redeten sie über nichts anderes.

Damit man an ihrer letzten Liegestatt nicht spare, hatten die beiden vorsorglich Särge gekauft, kostbare Leichentruhen aus Nußbaumholz, mit vergoldeten Griffen und Füßen. Die Särge standen in einer Kammer, ihre schweren Deckel waren schräg emporgestützt, so daß man hineinschauen konnte wie in aufgeschlagene Betten. Abends, vor dem Schlafengehen, zündete Frau Tiegel vier oder fünf Kerzen an, und die Eheleute weideten sich am Anblick der Särge, die so einladend aussahen und so behaglich. Ungern suchten sie ihr Lager auf; sie hätten viel lieber in den Särgen geschlafen, doch diesen Genuß verboten sie sich. Nur einmal wöchentlich, am Sonntagnachmittag, durfte sich einer von ihnen in seinen Sarg legen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet, und dann oblag es dem anderen, zu bekunden, wie feierlich sein Partner sich ausnehme.

Während Herr Tiegel mit seinem Sarg zufrieden war, sann seine Frau unablässig darauf, wie sie den ihren verschönern könne. Sie nähte Spitzenborten ein, sie heftete Glasblumen an den lila Taft, sie klebte Kristallspiegelchen in den Sargdeckel; das Kopfkissen wechselte sie immer wieder aus, keines war ihr schön genug. Eines Tages aber erstand sie ein herrliches Kissen aus Brokat, das schlechthin nicht zu übertreffen war. Der Wunsch, recht bald auf diesem Kissen zu ruhen, mag Frau Tiegels Heimgang beschleunigt haben – sie starb eine Woche darauf.

Zwischen den Eheleuten hatte es von jeher als ausgemacht gegolten, daß keiner den anderen länger als um wenige Tage überleben werde. So kam sich denn Herr Hegel wie ein Halbtoter vor und überließ alles, was in einem Sterbehaus zu tun ist, einer ältlichen Nichte, die schon seit Jahren bei ihm wohnte. Wie ein grauer Bilderstreifen zog es an ihm vorüber: Die aufgebahrte Leiche, die Totenfeier in der Kapelle und die vielen Hände, die nach seiner Hand griffen. Erst hinterher fiel ihm ein, daß er es unterlassen hatte, die Vorgänge so andächtig in sich zu bewegen, wie es seine Frau wohl getan, wenn sie sich in seiner Lage befunden hätte; doch dazu war es nun zu spät. Betrübt, verstört saß er in der Wohnung herum; allein mochte er nicht ausgehen und mit seiner Nichte erst recht nicht, weil sie sich nicht darauf verstand, gebührlich über den Tod zu reden.

Elf Tage nach dem Begräbnis erhielt Herr Tiegel eine Ansichtskarte von einem Mann namens Mönke, den er vor Jahren auf einer Ferienreise kennengelernt hatte. Herr Tiegel machte sich nicht das geringste aus ihm, er hätte Herrn Mönke gern vergessen, aber dieser brachte sich immer aufs neue durch Ansichtskarten in Erinnerung. Für gewöhnlich schrieb er aus den Ferien und gedachte scherzhaft der gemeinsam verlebten Ferien von einst; so auch diesmal. Herr Tiegel las die launigen Worte mit Mißmut und drehte die Ansichtskarte um. Da war ein schöner, heller Strand zu sehen und dahinter das Meer. Herr Tiegel wurde traurig. "Ich werde sterben", sprach er zu sich, "ohne das Meer gekannt zu haben. Was habe ich überhaupt von dieser Welt gesehen?"

Er stellte die Ansichtskarte aufs Klavier, gegen eine Vase. Den ganzen Tag über blickte er zu ihr hin, zuerst scheu, später ganz unverhohlen, und als es Abend wurde, kam ihm ein Gedanke. "Was hindert mich denn, ans Meer zu fahren? Die Reise ist nicht lang, ich werde sie eben noch überstehen. Wenn ich das Meer gesehen habe, will ich zufrieden sterben." Die Nichte hatte nichts dawider. Im Gegenteil, es war ihr lieb, den grämlichen, todsüchtigen Alten ein Weilchen lang nicht ertragen zu müssen. Sie packte ihm ein Köfferchen.

Solange der Zug noch stand, war Herr Tiegel versucht, rasch auszusteigen und wieder nach Hause 211 gehen; er hatte Angst vor dem Unternehmen. Als aber die Fahrt begann, ein Gleiten anfangs, ein Wiegen dann und Sausen und Poltern, wurde ihm wohler zumute. Doch der freundliche Zustand hielt nicht vor; als ein Schaffner die Fahrkarten überprüfte, stellte es sich heraus, daß Herr Tiegel im falschen Zug saß. Anstatt sich dem Meer zu nähern, entfernte er sich von ihm.