Paris, Mitte Februar

Wer kennt nicht jene Schreckgestalt der Salons, die im Haus einer zum drittenmal verheirateten Dame die Sittenlosigkeit der Ehescheidung rügt oder beim örtlichen Vorsitzenden des Tierschutzvereins die Treibjagd preist? Ähnlich ins Fett- oder besser ins ölnäpfchen getreten ist vor einiger Zeit unversehens der ehemalige amerikanische Abgeordnete Hamilton Fish. Am selben Tag, an dem vor der UNO die Algerien-Diskussion begann, bezichtigte er vor einer Senatskommission in Washington die allmächtige Standard Oil Company, den algerischen Aufstand gegen Frankreich mitangestiftet zu haben. Sie erwarte nämlich von selbständigen Araberstaaten in Nordafrika ein größeres Entgegenkommen in Sachen der neuentdeckten Erdölschätze in der Sahara als von Paris. Ob dieses enfant terrible nun seine Behauptungen beweisen kann oder nicht – H. Fish hat eine bisher von allen Beteiligten streng durchgehaltene Spielregel durchbrochen: nämlich zu verschweigen, daß den politischen. Verwicklungen im Mittelmeer ein erbittertes Ringen der großen Petroltrusts parallel geht.

Das Abendblatt "Paris-Presse" hat in diesen Tagen die recht aufschlußreichen Kapitalbeteiligungen an den vier Gesellschaften veröffentlicht, die bisher die Ölschätze der Sahara bergen dürfen. Eine davon, die SNREPAL (Kapital 14 Milliarden Francs) ist völlig in der, Hand des französischen Staates, eine zweite, die CEPA (6 Milliarden), mehrheitlich. In die beiden anderen Gesellschaften aber teilt sich Shell, der große Konkurrent von Standard Oil, mit französischen Gruppen: bei der CEPA (6 Milliarden) verfügt dieser Konzern über 35 v. H. der Anteile und bei der CPA (5,4 Milliarden) gar über 65 v. H. Das macht die überaus gastfreundliche Aufnahme verständlich, welche den Diplomaten gewisser vor kurzem selbständig gewordenen Araberstaaten Nordafrikas in den USA von bestimmten Ölgesellschaften bereitet wird.

Überall ist jedoch Shell nicht im Vorteil. Durch Syrien führt eine Pipeline der ARAMCO-Ölgesellschaft, die eine Filiale von Standard Oil ist, und eine der IRAQ PETROLEUM COMPANY, die ins Lager der europäischen Ölkonzerne um Shell gehört. Merkwürdigerweise ist nun im letzten Herbst die Pipeline der Iraq Oil Company in die Luft geflogen, nicht aber diejenige der ARAMCO. Diese Firma hat außerdem schon seit einiger Zeit auf Riesentanker umgestellt, welche den Suezkanal umfahren. Der beträchtliche Sturz der Werte der Iraq Oil Company wird erst rückgängig gemacht werden können, wenn der Suezkanal wieder befahrbar ist. Die "Entblockierung" des Kanals geht aber nur langsam vorwärts. Der "Canard Enchaîné" – eines der ganz seltenen Pariser Blatter, die von diesen Dingen zu sprechen wagen, bringt diese Langsamkeit mit dem Umstand in Verbindung, daß der mit der "Wiederschiffbarmachung" des Kanals betraute amerikanische General Wheeler im Zivilberuf Experte einer Filiale der mächtigen CHASE MANHATTAN BANK sei, die bekanntlich die Interessen von Standard vertritt. John Mac Cloy, ehemaliger Hochkommissar in Bonn und Direktor der genannten Bank, befinde sich als Finanzsachverständiger der UNO zufällig auch gerade in Ägypten an Ort und Stelle.

Das bereits zitierte Blatt "Paris-Presse" mit seiner guten Informiertheit in Sachen der Sahara-Erschließung ist es übrigens, das den Bogen dieser kühnen Konstruktion zurück ins westliche Mittelmeer schließt. Die große Überraschung der bisherigen Algerien-Diskussion vor der UNO ist bekanntlich, wie entschieden sich die USA an die Seite Frankreichs gestellt haben. Das kann nicht einfach damit erklärt werden, daß Washington wieder zum "Kalten Krieg" zurückkehre und sich darum der alten Bundesgenossen entsinne. Gerade, als unter dem Eindruck der Budapester Ereignisse die Rückkehr zum "Kalten Krieg" unvermeidlich schien, hat Eisenhower den englischen und den französischen Ministerpräsidenten als kolonialistische böse Buben in die Ecke gestellt. Jetzt aber ist Guy Mollet zum Zeichen der Versöhnung nach Washington eingeladen worden.

"Paris-Presse" deutet an, daß eine nordafrikanische Zusammenarbeit zwischen Washington und Paris auch außerhalb der UNO bevorstehe: "Die über Algerien hinausgehende französisch-amerikanische Zusammenarbeit in Nordafrika wird in Washington auf der Tagesordnung stehen. Die Zuteilung von Petrolkonzessionen in der Sahara an amerikanische Gesellschaften ist ein Trumpf, über den Guy Mollet zur Erleichterung dieser Zusammenarbeit verfügt." Armin Mohler