Von Waldemar Ringleb

Die Aktionäre sind mit dem, was sie an Dividende erhalten, nicht mehr zufrieden. Sie sehen, daß die Wirtschaft auf vollen Touren läuft, und ihre Betriebe berichten von Jahr zu Jahr in stolzen Rechenschaftsberichten von Umsatzsteigerungen, großen Investitionsprogrammen und all den anderen schönen Dingen, die eine Hausse mit sich bringt. Die Bilanzen zeigen, daß von der Selbstfinanzierung in weitem Umfange Gebrauch gemacht worden ist; mit anderen Worten: der Substanzwert der einzelnen Aktien erhöht sich, und wahrscheinlich weit mehr, als dies in den augenblicklich gedrückten Aktienkursen zum Ausdruck kommt. Das Dividendenniveau dagegen bleibt stabil; es ist offenbar an eine obere Grenze gestoßen. Die Effektivrenidite der Aktien wird als unzureichend empfunden, vor allem in einer Zeit, in der die Chancen, durch Kurssteigerungen einen Ausgleich zu erhalten, nicht gegeben sind.

Die Mißstimmung, die von der Börse her bis in die Vorstandszimmer der Kapitalgesellschaften gedrungen ist, hat in den letzten Wochen eine Debatte darüber ausgelöst, wie eine gesunde Dividendenpolitik, die die Aktionäre anspricht, aussehen müßte. Aus einzelnen Äußerungen war zu entnehmen, daß nicht mehr immer das redte Gefühl dafür vorhanden ist, daß die Aktionäre Eigentümer des Werkes sind. In den Vorstandszimmern wird das Unternehmen oft genug wie eine autonome Gesellschaft betrachtet, die ihren eigenen Gesetzen unterliegt und in der die Aktionäre keine wesentlich andere Rolle spielen als die Gläubiger. Es ist genügend darüber geschrieben worden, daß das Eigentum durch das Aktiengesetz weitgehend seiner Dispositionsbefugnisse entkleidet worden ist. Nunmehr aber verliert es offenbar auch noch mehr und mehr seine Genußrechte zugunsten der übrigen Partner, die sich in einem Unternehmen zusammenfinden. Es wäre sonst nicht möglich, daß ein hervorragender Vertreter der deutschen Industrie erklären konnte, man habe der Wirtschaft genügend von Mäßigung gepredigt: es sei jetzt an der Zeit, dies auch gegenüber den Aktionären zu tun.

Wenn eine solche Mahnung in einer Zeit schlechter Konjunktur, in der das Verdienen klein geschrieben wird, erfolgt wäre, so hätte sie ihre Berechtigung. Dem Aktionär jetzt aber zuzumuten, im Interesse der Expansions- und der Selbstfinanzierungskraft eines Unternehmens auf adäquate Ausschüttungen zu verzichten, widerspricht genauso jeder wirtschaftlichen Vernunft, als wolle man der Bauersfrau anraten, keine Eier mehr zu essen, da man sie ja unter die Henne legen könne, um auf solche Weise Jahr für Jahr die Schar der Hühner zu vergrößern ...

Es mag sein, daß die Unternehmen heute unter einem unausweichbaren Expansionszwang stehen, weil der von den Löhnen kommende Kostendruck und die technische Entwicklung zu immer neuen Investitionen zwingen. Es ist beidieser Lage verständlich, wenn die Industrie die Selbstfinanzierung über einen weitgehenden Verzicht auf Gewinnausschüttung anstrebt. Das aber muß Gegenwirkungen auslösen. Wir dürfen uns jedenfalls nicht wundern, wenn in einem freien Marktgeschehen Aktionäre und Sparer sich den Finanzierungswünschen der Werke zu verschließen beginnen, zumal sie in der angenehmen Situation stehen, am längeren Hebelarm zu sitzen, weil mehr Kapital nachgefragt als gebildet wird.

Es gibt Vorstände, die sich daran erinnern, wie erfreulich einmal für alle die Zeit einer Politik gleichbleibender Dividenden – also die einer Verrentung des Aktienbesitzes – war. Es wurde damals dem "lieben Aktionär" etwas mehr an Dividende gezahlt, als er an Zins bei sonstigen Kapitalanlagen erlangen konnte. Da bei dieser Politik auf der einen Seite die Reserven ständig zunahmen, (was sich in einem stetigen Steigen der Kurse ausdrückte), und andererseits die auf einen nominalen Wert lautenden obligatorischen Verpflichtungen als Folge einer langsamen Geldverschlechterung sich allmählich entwerteten, waren die Aktionäre zufrieden. Sie haben auf Jahre hin ihren Unternehmen die Treue gehalten.

Heute sind diese Voraussetzungen nicht mehr gegeben. Der Zinssatz für Rentenwerte enthält praktisch eine Geldentwertungsprämie; die Kurssteigerungstendenzen des Aktienbesitzes sind gering, wenn die Rendite in keinem Verhältnis zum Substanzwert der Aktie steht.