Eben erst hatten sich Schleswig-Holsteins Metallarbeiter bereit erklärt, in ihre Fabriken zurückzukehren, da tauchte ein anderer Streik am bundesdeutschen Horizont auf. Nicht jedoch von einer Gewerkschaft kam diese Drohung, sondern von einem Studentenverband, und auch keine Fabriken sollten bestreikt werden, sondern – Universitäten.

In Bonn, wo die Delegiertenkonferenz des Verbandes Deutscher Studentenschaften beschlossen hatte, alle Studenten der Bundesrepublik zu Protestaktionen und Vorlesungsstreiks aufzurufen, "falls dem Verlangen der Studentenschaft nach großzügigerer Förderung des akademischen Nachwuchses nicht umgehend Rechnung getragen wird", in Bonn also ergriffen darauf sogleich zwei Persönlichkeiten das Wort, um die jugendlichen Mahner zurecht- und ihre Forderungen, jedenfalls "auf Bundesebene", zurückzuweisen. Bundesinnenminister Schröder erklärte, die Kulturhoheit läge, wie man ja wüßte, bei den Ländern, und also müßten auch die Studienhilfen im wesentlichen aus den Länderkassen bestritten werden. Der Fraktionsführer der Christlichen Demokraten, Krone, stieß ins gleiche Horn, fügte indes noch die Befürchtung hinzu, durch eine so weitgehende Studentenförderung könnte womöglich so etwas wie der Typ des Staatsschülers geschaffen werden, wobei er, Krone, freilich zu erwähnen vergaß, wie weit der Weg vom darbenden Werkstudenten von heute zum Staatsschüler seiner Phantasie denn doch ist.

In einem wird man den beiden Politikern ohne Frage recht geben müssen: dem Buchstaben der Verfassung nach ist der Bund nicht verpflichtet, den jungen Akademikern unter die Arme zu greifen. Das ist Sache der Länder. Bonn muß nicht geben – heißt das aber auch, daß es nicht geben darf?

Die Länder, die insgesamt rund fünfmal soviel für die Wissenschaft aufwenden wie der Bund, sind durch die Unterhaltung der Hochschulen (je nach Größe 10 bis 30 Millionen Mark im Jahr) und der technischen Hochschulen (8 bis 20. Millionen) stark belastet. Die 120 Millionen Mark, die nötig sind, um das Honnefer Modell der Studienförderung, auf das sich 1955 der Bundesinnenminister, die Ständige Kultusministerkonferenz, die Rektorenkonferenz und die Vertreter der Studentenschaften geeinigt haben, zu verwirklichen – diese Summe, mit der man dem Unfug des "Studiums als Nebenbeschäftigung" ein Ende bereiten könnte (ohne damit gleich den "Staatsstudenten" zu schaffen), vermögen die Länder nun wirklich nicht mehr aufzubringen. Wäre es da nicht – jenseits der mit so viel Liebe und Ausdauer gepflegten Kompetenzstreitigkeiten – sinnvoll, wenn der Bund (etwa über die Studienstiftung des deutschen Volkes, besser noch: über einen Bundeskultusminister oder eine andere zentrale Instanz) die gesamte Studentenförderung "im Werte von" 120 Millionen Mark übernähme? Mit dem, was die Länder dabei einsparten, könnten sie, zum Beispiel, mehr Professoren und Assistenten einstellen. Die Studenten andererseits würden den beträchtlich zu Buch schlagenden Vorteil gewinnen, die Universitäten ganz nach ihrer wissenschaftlichen Neigung und ohne Rücksicht auf Stipendienchancen wählen zu können.

Was nun jedoch die Studenten angeht, die da streiken sollen, wenn ihre Forderungen nicht noch in diesem Jahr erfüllt werden, so steht nicht einmal fest, ob sie überhaupt streiken wollen. Denn es ist immerhin denkbar, daß unter Westdeutschlands Studikern etliche sind, die – im Unterschied zu den Studentenfunktionären – nicht recht an die Wirksamkeit eines solchen Mittels glauben, die erkennen, daß leere Hörsäle niemandem schaden können als ihnen selber und die wissen, daß es Studenten – im Unterschied zu Metallarbeitern – nicht gegeben ist, ihre Forderungen zu erzwingen, daß sie letzten Endes nichts anderes tun können, als nur immer wieder an die Einsicht der Verantwortlichen im Staat zu appellieren – an die Einsicht, die, will man hoffen, auch (und gerade) im Wahljahr dämmern kann. h. g.