Assuan-Damm würde alle anderen ägyptischen Entwicklungsprojekte blockieren

Von Klaus Billerbeck

Nicht ohne Grund wird das Sadd-el-Ali-Projekt, der geplante Riesenstaudamm von Assuan, als der Vater der gegenwärtigen Krise im Nahen Osten angesehen, als das Objekt, von dem die Verwicklungen ihren Ausgang nahmen. Die im Juli 1956 erfolgte Zurückziehung des britisch-amerikanischen Finanzierungsangebotes und des in Aussicht gestellten Weltbank-Kredites veranlaßten den ägyptischen Staatspräsidenten Nasser zur Flucht nach vorn – zur Verstaatlichung des Suezkanals. Damit wurde dann das Sadd-el-Ali-Projekt aus der, Schlagzeilen der ägyptischen Presse in den Hintergrund gedrängt, vor dem sich nun die britisch-französische Gegenaktion in der Form der Beschlagnahme der ägyptischen Sterlingreserven und der Wirtschaftsblockade abspielte, schließlich im Herbst die militärischen Operationen einsetzten, der sowjetische Einfluß im Nahen Osten immer mächtiger wurde, bis jetzt die Eisenhower-Doktrin den Auftakt zu einer neuen Szenerie gab. Nun begann das Sadd-el-Ali-Projekt stärker in den Vordergrund zu rücken, denn in allen Verhandlungen muß auch die Frage dieses für Ägypten lebenswichtigen Vorhabens einer Lösung nähergebracht werden.

In Ägypten haben sich die Voraussetzungen für die Durchführung des Sadd-el-Ali-Projekts erheblich gewandelt. Noch Anfang 1956 ergab sich für die Finanzierung folgendes Bild: Die ägyptischen Gold- und Devisenreserven beliefen sich auf rd. 235 Mill. £ E, machten also etwa 130 H. einer durchschnittlichen Jahreseinfuhr aus (zum Vergleich sei angeführt, daß die als recht hoch angesehenen westdeutschen Reserven heute knapp 60 v. H. der bundesdeutschen Jahreseinfuhr betragen). Die ägyptische Währung war eine der stabilsten Währungen der Welt; die Gesetzgebung begünstigte die Heranziehung von Auslandskapital, und es bestanden Hoffnungen, für das Sadd-el-Ali-Projekt von der Weltbank 200 Mill. 8, von den USA 186 Mill. $ und von Großbritannien 14 Mill. $, zusammen also – umgerechnet zum offiziellen Kurs – 140 Mill. £ E an öffentlichen Mitteln zu erhalten.

Überdies liefen immer noch Verhandlungen über die Heranziehung eines Konsortiums aus den wichtigsten europäischen Industrieländern, so daß sich die Finanzierung von Sadd el Ali, das mit allen landwirtschaftlichen Erschließungsarbeiten und der Anlage eines Großkraftwerkes über 300 Mill. £ E kosten soll, schon auf gesunder Basis abzuzeichnen begann. Das damals herrschende allgemeine Vertrauen in Ägypten ließ auch erwarten, daß beispielsweise die Unterbringung von ägyptischen Staatsanleihen auf dem inneren Kapitalmarkt weitere beträchtliche Mittel erschließen könnte.

Gestörte Hoffnungen

Die Zurückziehung der britisch-amerikanischen Finanzierungshilfe und des Weltbank-Angebotes, deren Ursache – jedenfalls aus der amerikanischen Sicht – wohl letztlich der Versuch der ägyptischen Regierung war, Ost und West gegeneinander auszuspielen, brachte das Nasser-Regime in arge Bedrängnis. Seit der Revolution von 1952 hatte sich die Regierung immer mehr mit dem Sadd-el-Ali-Projekt identifiziert, so daß es nicht fallengelassen werden konnte, ganz abgesehen davon, daß ohne die Erhöhung der Bewässerungskapazität kein Neuland gewonnen und ohne Neuland der Lebensstandard der sich jährlich um fast eine halbe Million Menschen vermehrenden Bevölkerung nicht erhöht werden kann. Mit der Verstaatlichung des Suezkanals glaubte die ägyptische Regierung einen finanziellen Ausweg zu finden. Die Rechnung sah verhältnismäßig einfach aus: 1955 wies die Suezkanal-Gesellschaft einen Reingewinn von 10,8 Mill. £ E aus. Bei nur gleichbleibendem Verkehrsvolumen würde sich hieraus innerhalb von zehn Jahren (der Bauzeit des Hochdammes) eine Einnahme von mindestens 110 Mill. £ E ergeben, womit die in Devisen anfallenden Baukosten im wesentlichen gedeckt gewesen wären.