Wer dieser lebhaften, mit Energie geladenen Frau auf der Straße begegnet, glaubt, eine rechte Hausfrau, Mutter und Leiterin eines großen Hauses vor sich zu sehen. Aber wer sie kennenlernt, steht einer jener tüchtigen Frauen gegenüber, die kühlen Verstand mit Herzlichkeit verbinden, beides in die runde Hülle von Humor und Mutterwitz geborgen. Theanolte Bähnisch ist seit zehn Jahren Regierungspräsident von Hannover, und sie erfüllt ihre hohe Stellung – genau, wie es den Anschein hat – mit fraulicher Tatkraft, unverkümmertem Realitätssinn und durchdringender gütiger Vernunft. Und sie war es auch, die einmal sagte: „Wir Frauen müssen ein kluges Herz haben.“

Sie selbst hat dieses kluge Herz.

Ihre stärksten Kräfte und Impulse entstammen ihrer Mütterlichkeit. Als im Herbst 1946 auf den Landstraßen Deutschlands Tausende von Jugendlichen, elternlos und heimatlos, ohne Ziel herumzogen, gründete sie in Poggenhagen das erste Jugendflüchtlingslager Niedersachsens. Aus ihrer Mütterlichkeit erklärt sich ihre große Hilfsbereitschaft. Ihrer immerwährenden tatkräftigen Teilnahme verdankt sie aber auch das schöne Vertrauen eines ganzen Regierungsbezirks, das ihr über eine zehnjährige Dienstzeit von allen Seiten – ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit – entgegengebracht wird. Beamter sein bedeutet für sie: Durch Ordnung und Gesetzeskraft die Erfordernisse von Gemüt und Vernunft im behördlichen Alltag durchzusetzen – und da sie ihr Amt souverän beherrscht, vermag sie auch in einem komplizierten Verwaltungsapparat ihre Erwägungen durch die notwendigen Maßnahmen in die Wirklichkeit umzusetzen.

Frau Bähnisch ist Westfälin, aus der Reiterstadt Warendorf an der Ems. Ihre erste Ausbildung erhielt sie bei ihrem Vater, dem Professor am dortigen Gymnasium. Dann entschied sie sich für das juristische Studium, „weil ich gern wissen wollte, nach welchen Prinzipien Menschen ihr Leben in einer Gemeinschaft ordnen.“

Den Referendar machte sie 1923, und bald danach sollte ein besonderes Erlebnis ihr zukünftiges Berufsschicksal entscheiden: „Es war an einem trüben Novembertag in meiner Heimatstadt Warendorf, meiner damaligen Ausbildungsstation, als der Amtsgerichtsrat unerwartet bestimmte: Fräulein Nolte, heute sollen Sie Ihre erste Vernehmung machen und einen Angeschuldigten zum Geständnis bringen. „Ich weiß nicht mehr, wie es kam“, erzählt Frau Bähnisch, noch immer bewegt von ihrem ersten und letzten Verhör, „aber der Angeschuldigte begann, nachdem er die ersten Hemmungen überwunden hatte, mir sein Herz auszuschütten. Er sprach von dem Diebstahl, den er in besonderer Notlage, durch Krankheit in seiner Familie bedingt, unternommen hatte. Er machte auf mich den Eindruck eines hilflos dem Verhängnis ausgelieferten Menschen. Wir vergaßen beide, daß es eine Vernehmung war. Als er seine Beichte beendet hatte, stand plötzlich der Amtsrichter neben uns und erklärte kühl: Na, da hätten wir ja das Geständnis. Ich vergesse nie den Blick des Überführten. Ich empfand es als ein unerträgliches Unrecht, sein Vertrauen mißbraucht zu haben. In der folgenden schlaflosen Nacht wurde mir klar, daß ich für diesen Beruf nicht geeignet war. Deshalb entschied ich mich, in die Verwaltung überzugehen.“

Thea Nolte fuhr bald darauf nach Berlin zu Innenminister Severing, um sich vorzustellen. Nach anfänglichem Zögern übernahm Innenminister Severing sie als ersten weiblichen Regierungsreferendar in die preußische Verwaltung. Nach Beendigung ihrer Ausbildung in Münster als Regierungsreferendar legte sie in Berlin im Juni 1926 das Regierungsassessor-Examen ab. Sie blieb dann fast fünf Jahre beim Polizeipräsidenten in Berlin, der zugleich die Geschäfte eines Regierungspräsidenten führte, und arbeitete in den verschiedensten Dezernaten.

Ihren Mann, Albrecht Bähnisch, hatte sie schon als Regierungsreferendar in Münster kennengelernt. 1927 heiratete der Assessor seine Assessorin. Theanolte Bähnisch, wie sie sich jetzt nannte, blieb im – Beruf, bis sie ihr erstes Kind erwartete. Doch schon am Abend nach der Absetzung Severings, im Sommer 1932, beantragte Frau Bähnisch ihre Zulassung als Verwaltungsrechtsrat beim Oberverwal-, tungsgericht in Berlin, in der Voraussicht, daß Hitler an die Macht gelangen würde. Sie wollte für sich und ihre Familie eine private Existenz vorbereiten, als Fachanwalt für Verwaltungssachen. Tatsächlich wurde Albrecht Bähnisch bereits im März 1933 entlassen, einige Wochen nach der Geburt des zweiten Kindes, eines Sohnes.

Nur vorurteilsfreie und moralisch-mutige Klienten fanden sich in der Praxis ein, da es sich herumsprach, daß Landrat a. D. Bähnisch und seine Frau rassisch und politisch Verfolgte vertraten. Albrecht. Bähnisch, der in den ersten Kriegsjahren eingezogen wurde, ist seit Februar 1943 in der Nähe von Charkow vermißt. Theanolte Bähnisch selbst verließ Berlin erst im Februar 1945, als die Russen vor der Hauptstadt standen, und fuhr zu ihren Kindern, die sie zum Schutz vor den Bomben im Taunus untergebracht hatte. Seelisch, geistig und körperlich* seit zwölf Jahren überanstrengt, brach sie jetzt völlig zusammen. Doch die Verantwortung für ihre Kinder zwang sie in das Leben – und das bedeutete für sie: in den Beruf – zurück. Wieder war. es Köln, wo sie als Verwaltungsrechtsrätin zu arbeiten begann. Bereits im März 1946 aber wurde sie, deren moralische und berufliche Leistungen nichtübersehen worden waren, als Regierungsvizepräsident nach Hannover gerufen. Einige Monate später wurde sie Regierungspräsident.

Nie in den langen Jahren unserer Verbundenheit habe ich Theanolte Bähnisch so überzeugend erlebt wie an dem Tage, als sie im Hodlersaal des Rathauses zu Hannover inmitten der würdigen – Männer des damals für den Regierungsbezirk Hannover bestehenden Bezirksparlaments ihre einstimmig erfolgte Wahl zum Regierungspräsidenten annahm und dabei das Bekenntnis für ihren Beruf und ihr Leben in zwei Sätzen ablegte: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Es wird mein Bestreben sein, die Verwaltung so gut wie möglich, aber auch so menschlich wie möglich zu führen!“ Diesem Grundsatz ist sie bis heute treu geblieben. Die Dämonie der Bürokratie im modernen Massenstaat hat Frau Bähnisch nicht verwandelt.

Die Orden- und Ehrenzeichen, die sie für ihr Wesen und Wirken erhielt, nimmt sie mit der bescheidenen Feststellung hin: „Alles, was ein Beamter tut, ist selbstverständlich!“

Theanolte Bähnisch, so hoch und weit sie auch die Verpflichtungen eines Beamten stecken mag, tut noch vieles mehr: sie gründete den überparteilichen und überkonfessionellen Deutschen Frauenring und verhalf ihm zu internationaler Geltung. Zum Deutschen Rat für europäische Bewegung gehört sie seit seiner Gründung. Sie ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und außerdem ist sie Mitglied des Hauptausschusses der Internationalen Bau-Ausstellung in Berlin 1957, wo sie aktiv teilnimmt an den Bauherrengesprächen für „die Stadt von morgen“.

Einem sachlichen Beruf als Frau neue wesentliche Kräfte zuführen: das ist der Weg, den Theanolte Bähnisch geht. Ilse Langner