Das Geschäftsjahr 1955/56 (30.9.) war für das Haus Siemens ein Rekord-Investitionsjahr. Wie Vorstandsmitglied Dr. Lohse bei einer Pressekonferenz mitteilte, betrugen die Zugänge des Hauses, also bei der Siemens & Halske AG, Berlin-München (S & H), bei der Siemens-Schuckert-Werke AG, Berlin-Erlangen (SSW), sowie bei den Beteiligungen im Berichtsjahr 260 (200) Mill. DM. Weitere 20 Mill. wurden für den Wohnungsbau aufgewendet. Davon wurden 160 (140) Mill. abgeschrieben. Seit der Währungsreform haben die Investitionen die Milliardengrenze überschritten. Im laufenden Jahr rechnet man mit einem "voraussichtlich erheblichen Absinken der Investitionsquote", die im nächsten Jahr noch weiter zurückgehen dürfte. Ohne Auslandsgeschäft erreichte das Haus Siemens einen Umsatz von 2,6 (2,2) Mrd. DM, der von dem Auftragseingang wieder übertroffen wurde. Im neuen Jahr ist, wie Dr. Lohse berichtete, die Spitze überschritten: "Es geht leicht bergab."

Die durch die angespannte Finanzlage der Bundespost hervorgerufene Zurückhaltung in der Auftragserteilung machte 1955/56 erhebliche Umdispositionen in den Fertigungsgebieten nötig. Auf hohem Stand hielten sich die Bestellungen der Grundstoffindustrie. Die infolge des Auslaufens der Investitionshilfe-Vergünstigungen rückläufigen Bestellungen der inländischen Elektrizitätswirtschaft wurden durch steigende Auslandsbestellungen ausgeglichen. Siemens bestreitet knapp 5 v. H. der Elektroausfuhr der westlichen Welt. Vor dem Krieg waren es 8 v. H. Der Anteil an der Elektroausfuhr des Bundesgebiets und Westberlins beträgt 23 v. H., ebenfalls 23 v. H. ist der gegenüber dem Vorjahr unveränderte Exportanteil (537 Mill. DM) der Firmen S. & H. sowie SSW an ihrem Gesamtumsatz. Wegen der auch in anderen Ländern stark ausgeweiteten Kapazität der Elektroindustrie waren bei der Ausfuhr besonders die Großaufträge umkämpft; dabei mußten gelegentlich unbefriedigende Preise und Zahlungsbedingungen; in Kauf genommen werden. Bei Geschäften mit langfristigen Zahlungszielen macht sich das hohe Zinsniveau in der Bundesrepublik nachteilig bemerkbar. Siemens mußte deshalb strukturell teilweise um 15 v. H. billiger anbieten, um den Finanzierungsvorsprung des Auslandes auszugleichen.

Zur Preissituation wurde gesagt, daß erhebliche Kostensteigerungen bescheidene Preiserhöhungen notwendig machten. Am Ende des Berichtsjahres lag das Preisniveau für elektrotechnische Erzeugnisse bei 185 (1938 gleich 100), der Index industrieller Erzeugnisse jedoch bei 225. Rohmaterialverteuerungen sowie gestiegene Lohn- und Gehaltskonten im Berichtsjahr und schließlich Arbeitszeitverkürzung und Erhöhung der Löhne und Gehälter im laufenden Jahr seien durch Rationalisierung nicht mehr auszugleichen. Dr. Lohse meinte, die geschrumpfte Spanne zwischen Kosten und Erlösen müsse wieder ausgeweitet werden. Bei den Firmen S & H und SSW erhöhte sich die Belegschaft um 8000 auf 140 000. Der gesamte Konzern beschäftigt am Ende des Geschäftsjahres 166 000 Arbeiter und Angestellte, davon 12 000 in ausländischen Fabriken und Vertriebsgesellschaften. Die Suezkrise brachte keine Geschäftsausfälle. In Kairo (aber auch in Argentinien) laufen die Geschäfte programmgemäß.

Trotz der wertmäßigen Umsatzsteigerung haben sich, wie betont wurde, die Erträge kaum verändert. Die S & H AG (AK auf 448 Mill. erhöht), die im Rahmen der Förderungsmaßnahmen für den technischen Nachwuchs eine eigene Schule gegründet hat und in deren Fabriken die Automatisierungweiteren Eingang fand, schlägt aus einschl. Vortrag 29,84 (29,21) Mill. DM Gewinn den rd. 70 000 Aktionären unv. 9 v. H. Dividende vor. Auch SSW (AK auf 300 Mill. erhöht) will aus einschl. Vortrag 24,26 (19,74) Gewinn unv. 9 v. H. Dividende zahlen. Eine geringe Erhöhung der Dividende, so räumte man ein, wäre vielleicht möglich gewesen, doch wurde an die 2,5 Mrd. DM Kriegsverluste des Hauses Siemens erinnert sowie an die Kapitalerhöhungen, bei denen die Emissionskosten den Aktionären abgenommen wurden. Von den weiteren 32 Mill. DM genehmigten Kapitals wolle man in diesem Jahrkeinen Gebrauch machen. t r.

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Benger-Ribana übernimmt das Texylonverfahren. Die Ribana-Werke Wilhelm Benger Söhne, Stuttgart, eine der ältesten deutschen Markenartikelfirmen der Wirkwarenindustrie, hat jetzt die westdeutsche Lizenz zur Herstellung baumwollener Unterwäsche im Texylonverfahren erworben. Die Firma will damit ihre Artikel gegen Verschleiß wesentlich widerstandsfähiger machen. Das Texylonverfahren beruht auf einem Silikonpräparat, das seit fünf Jahren in den westlichen Ländern erprobt worden ist. Es handelt sich um eine französische Erfindung, In Deutschland hat sich neben Benger eine Bielefelder Firma die Lizenz für Webwaren gesichert, während Bleyle die Einführung für Wollwaren zunächst zurückgestellt hat, da hier andere Voraussetzungen als bei Baumwollwaren, gegeben sind.

Kapitalerhöhung der Zigarrenfabrik Rinn & Cloos AG. Diese zu den führenden Unternehmen der westdeutschen Zigarrenindustrie zählende Gesellschaft, die 1955 ihr 60jähriges Bestehen feiern konnte, hat die in der letzten Hauptversammlung beschlossene Kapitalerhöhung um drei auf 16 Mill. DM durchgeführt. Das in Heuchelheim bei Gießen domizilierende Unternehmen befindet sich ausschließlich in Familienbesitz.