Der Norddeutsche Lloyd in Bremen besteht am 20. Februar hundert Jahre. Gewiß: es gibt ältere Reedereien in der Welt und auch in Deutschland. Aber nur wenige sind zu einem solchen Begriff geworden wie die Bremer Schiffahrtsgesellschaft mit der weißen Flagge, in der sich ein blauer Anker mit dem bremischen Schlüssel kreuzt. Lange Jahre führte die Reederei vor dem ersten Weltkrieg die Liste aller Fahrgast-Reedereien auf den Weltmeeren an, bis dieser kühnen Gründung des Konsuls Hermann Heinrich Meier im ersten Weltkrieg ein schwerer Rückschlag versetzt wurde. 494 Schiffe mit 983 000 BRT waren zuletzt auf 40 Routen eingesetzt.

Der mit 781 BRT vermessene Seebäderdampfer "Gruß Gott" war 1918 das größte Schiff der insgesamt 57 000 BRT umfassenden Resttonnage. Ab 1920 wurde der Aufbau bescheiden angepackt. Vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges zählte die Lloyd-Flotte wieder 86 Einheiten mit mehr als 600 000 BRT, darunter die lange Jahre unter sich um das "Blaue Band" wetteifernden rund 50 000 BRT großen Schiffe "Bremen" und "Europa", von denen die letztere heute als "Liberté" mit der Trikolore am Stock noch immer die Atlantikroute befährt. Der zweite Krieg schien dem Lloyd den Todesstoß versetzt zu haben. Nur die "Bogota", ein Motorfrachter mit 1230 BRT, und weitere rund 1000 BRT an Schleppern und Leichtern blieben erhalten ...

Das Bild war so trostlos, daß ein starkes Herz dazu gehörte, dennoch Hand an den Aufbau einer dritten Lloyd-Flotte zu legen. Einschneidende alliierte Bestimmungen hinsichtlich Größe und Geschwindigkeit machten Jahre hindurch den Wiedereintritt in das internationale Reedereigeschäft unmöglich. Aber auch diese Zeit wurde überwunden. Heute umfaßt die Flotte des Norddeutschen Lloyd wieder 36 Einheiten mit 217 388 BRT und nahezu 300 000 t Tragfähigkeit. Bis Ende 1954 waren bereits rund 212,3 Mill. DM in den Wiederaufbau investiert worden. Weitere 100 Mill. wurden im Rahmen des folgenden Bauprogramms in die Flotte gesteckt. Die Bruttoregistertonne war nach der letzten Veröffentlichung in der Bilanz mit rund 600 DM aktiviert. Vergleicht man diesen Satz mit dem der ausländischen Reedereien, die ihren Schiffspark je BRT mit etwas mehr als 100 DM zu Buch stehen haben (wie beispielsweise die fünf großen Reedereien in Holland), so zeigt dies den ungewöhnlichen Kostenvorsprung der wichtigsten ausländischen Konkurrenz, die nach 1945 aus dem ersten Nachkriegsboom und aus dem Korea-Boom profitieren durfte, während die deutsche Flotte sich noch passiv verhalten mußte. Als der Norddeutsche Lloyd 1950 zuerst mit Charterschiffen seinen Blick wieder vom Land weg – wo er mit Hotels, Reiseunternehmen, vor allem aber mit dem Technischen Betrieb in Schiffsreparaturen sein Brot fand – wieder seewärts richtete, da war dies ein unsicherer Wechsel auf die Zukunft. Dennoch hat sich der wagemutige Schritt gelohnt. Denn der Norddeutsche Lloyd, von dem vor 60 Jahren Wiegand sagte, der Bremer betrachte ihn als "eins seiner besten Güter", ist "wieder da". Er hat sich erneut in den Wettbewerb auf See eingeschaltet, allerdings, wie auch andere Reedereien, unter Inkaufnahme einer Verschuldung, die hinreichend Anlaß dazu gibt, den Einsatz von Eigenmitteln an der Flottenfinanzierung zu verstärken. Voraussetzung hierfür ist jedoch, daß die Bruttoerträge durch entsprechende Abschreibungen weitgehend ohne substanzverzehrende Schmälerung verfügbar bleiben. Angesichts der gegenwärtigen Belastungen aus dem Kapitaldienst mußten und müssen auch die Pläne zur Wiederaufnahme einer Atlantik-Passagierfahrt mit neuen Schiffen zurückstehen, so sehr die Reederei, die zur Zeit die "Berlin" – ehemaliges Flaggschiff der Svenska-Amerika Linie – unter der Lloyd-Flagge im New-York-Verkehr laufen hat, auch von der Notwendigkeit überzeugt, ist, eines Tages ein neues Schiff zu bauen. Das wird aber erst möglich sein, wenn der Bundesfinanzminister sich zu einem Engagement bereit erklärt. Gewiß: der Bund hat mit der Bereitstellung von Wiederaufbaudarlehen und 7-d-Darlehen den deutschen Reedern und auch dem Lloyd zweifellos mit auf die Beine geholfen, keinesfalls aber ist dies ein Ausgleich für jene Verpflichtungen, die aus den Reparationen resultieren, die private Reedereien für den Staat an die Siegermächte leisteten. W. S.