A. d. F., Rom, im Februar

Die Lehren Nicolo Machiavellis sind in Italien noch immer sehr lebendig – allem Widerspruch zum Trotz. Das hat Pietro Nenni, der in den taktischen Künsten sehr erfahrene italienische Sozialistenführer, nach Schluß des Kongresses seiner Partei in Venedig einmal an sich selbst zu spüren bekommen.

Fünf Tage lang hatte man seinen schwungvollen Deklamationen über einen neuen, mit dem Kommunismus alten Typs konkurrierenden italienischen Sozialismus zugejubelt und die – nach seinen ehrgeizigen Ideen entworfene Resolution widerspruchslos gebilligt, aber bei der Wahl des Zentralkomitees wurde er überraschend niedergestimmt. Die Zustimmung während der Diskussion war nur Lippenbekenntnis, nur Tarnung gewesen ... Im Schutz der Geheimabstimmung versetzte eine Blitzverschwörung der Partisanen der Politik der guten Nachbarschaft mit Togliattis KP die "Nennianer" in die Minderheit. Zwei Drittel des "Partei-Parlamentes" wurden von mehr oder weniger prokommunistischen Genossen besetzt. Die stärkste Gruppe bilden die Vertreter des Parteiapparates: jüngere, in Togliattis Geist erzogene und vermutlich zum Teil auch aus seiner Kasse bezahlte Intellektuelle. Sie mißtrauen – Nennis Ambitionen, auch wenn diese – wie mehrmals in Venedig versichert wurde – sich im Rahmen der "heiligen klassenkämpferischen Solidarität" halten. "Es genügt nicht, zu sagen", so erklärte einer dieser Spitzenfunktionäre unverblümt, "daß wir nicht Antikommunisten sind, man muß hinzufügen, daß wir das kommunistische Kampfpotential für den Aufbau der Demokratie und des Sozialismus verwenden wollen."

Die demokratischen Beteuerungen des sozialistischen Konzils sind dadurch sehr im Kurs gesunken. Daran kann auch der nach parteiinternen Verbandlungen erzielte Kompromiß nichts ändern, der Nenni als Sekretär bestätigt und seinen Freunden etwa die Hälfte der Sitze im Sekretariat und in der Direktion eingeräumt hat. Der Parteiapparat bleibt in den Händen seiner Gegner, und das Zentralkomitee setzt den Bewegungen der Nennis enge Grenzen.

An dieser Entwicklung ist Nenni selbst am meisten schuld. In der ihm eigenen Doppelbödigkeit ist er nicht der Mann, das tief in seiner Partei steckende kommunistische Geschwür herauszuschneiden. Der Führer der italienischen Sozialdemokraten Giuseppe Saragat hat ihn offen als Opportunisten bezeichnet: "Nennis Schwanken hat nicht die Grundlage für eine gesunde Erneuerung geschaffen, sondern die geplante sozialistische Vereinigung enorm zurückgeworfen."

Welche Lehre wird die italienische Sozialdemokratie daraus ziehen? Davon hängt die Entwicklung ab. Saragat will bis zu den 1958 fälligen Parlamentswahlen in der Regierungskoalition der demokratischen Mitte bleiben. Eine stabile Alternative ist bei der parteipolitischen Struktur in Kammer und Senat nicht vorhanden. Eine starke sozialdemokratische Gruppe schielt jedoch weiterhin in Nennis Richtung und neigt dazu, sich bei einigen im Parlament bevorstehenden Entscheidungen von großer sozial- und wirtschaftspolitischer Bedeutung der Opposition anzuschließen. Wieder einmal zeichnet sich in Italien eine Gefahr für den Bestand der Regierung ab. Daß diese Labilität mit einer schweren Krise der Kommunisten, einem Immobilismus der Sozialisten und einem seit längerem zu beobachtenden Zerfall der rechtsradikalen Kräfte einhergeht, gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses an Paradoxien nicht armen Landes.