Lord Vansittart ist tot und hinterläßt keinen Erben. Um des brillanten Schriftstellers und Redners zu gedenken, des Mannes, der die Liebe so tief empfand, daß sie ihn zu wirklich schönen lyrischen Gedichten inspirierte, habe ich einmal wieder in den beiden Büchern gelesen, die er für seine Hauptwerke hielt: "Black Record" (gesammelte Rundfunkreden) und "Events and Skadows".

Lord Robert ist tot. Auf seinem Grabspruch möchte der Leitartikler des Daily Telegraph lesen: "Er hat immer das Unechte verachtet." Er liebte die Menschen, die er verstand, und war ihnen gegenüber großzügig und voller Verständnis auch für ihre Schwächen (wie der DailyTelegraph mit Recht von ihm rühmt). Aber...

De mortuis nil nisi bonum. Deswegen soll eine schwäche hier nur kurz erwähnt werden, da sonst das Bild allzu unvollständig bliebe: Für Lord Vansittart hörten die Menden am Rhein auf (nur in einem Fall von Geistesibwesenheit rechnete er einmal auch 25 Prozent der Deutschen noch dazu). Östlich vom Rhein fing für ihn das Untermenschentum, die Barbarei an, und sein Leben wurde bis zuletzt überschattet von der schrecklichen Vision, daß Russen und Deutsche sich gegen "die zivilisierte Welt des Westens" verbünden könnten.

Seine Bücher sind eine lehrreiche Lektüre, ob er von den deutschen Kindern erzählt, die sich schon 1934 schadenfroh darüber unterhalten, wie es in den – Konzentrationslagern zugeht, oder von den deutschen Fragen, die den marokkanischen Besatzungstruppen keine Ruhe lassen. Er hat das Unechte verachtet? Nein, im Gegenteil – er hat im "Unechten", nämlich im Phantastischen, im frei Erfundenen, in der Lüge geschwelgt, an die er selber glaubte. Wenn je Haß blind war, dann Vansittarts. Alles, was er über Deutschland "wußte", hatte er bei einem kurzen Besuch im Berlin der Olympischen Spiele oder aus zweiter Hand "erfahren". Und immer hat er nur solche Mitteilungen aufgenommen, die in seine längst feststehende, grandiose Vision vom Kampf der Barbaren gegen die zivilisierte Welt paßten.

Aber darf man einem Dichter seine Schreckensvisionen übelnehmen? Daß er sie selber für Tatsachenberichte hielt, braucht man ihm jetzt nicht mehr vorzuwerfen, um so weniger, als – welch furchtbare Ironie! – manche entsetzlichen Tatsachen auch seine Visionen noch übertrafen.

Worüber nachzudenken sich jedoch lohnt, sind die Fragen: Wie war es möglich, daß ein Mann, für den die Länder jenseits des Rheins von phantastischen Karikaturen des Grauens bevölkert waren, eine zuweilen überschätzte, aber gewiß nicht unmaßgebliche Stellung in der englischen Außenpolitik einnehmen konnte? Und wie ist es möglich, daß eine Zeitung von der Bedeutung des Daily Telegraph, ihn, der sich weigerte, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, sobald sie östlich des Rheins lagen, heute gerade für seine Fähigkeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, rühmt?

Lord Vansittart ist tot und hinterläßt keinen Erben. Leo