Als wir in einer amerikanischen Zeitung lasen, daß ein junger sowjetischer Maler namens Ilya Glazunow in einer kleinen Moskauer Kunstgalerie ein Bild ausgestellt hat, das er "Morgen" nennt und das eine ganz und gar unbekleidete Frau darstellt (in der Kunstsprache "weiblicher Akt"), fiel uns ein Stein vom Herzen. Nicht, weil wir uns etwa einbilden, das "ewig Weibliche" werde von jetzt an alle Sowjetmenschen (einschließlich des letzter Stalinisten und Geheimpolizisten) hinanziehen – so rasch geht das nicht –, sondern weil wir jetzt endlich wissen, was "sozialistischer Realismus" ist

Immer wieder drang dieses Wort aus dem Oster. an unsere Ohren. Aber wir wußten nie genau, was damit gemeint war, und empfanden diese Unwissenheit als ein Manko. Der Sozialistische Realismus reichte bisher vom Traktor im Kornfeld über den schweißgebadeten Aktivisten in der Kohlengrube oder vor dem Hochofen bis zur Frau im – natürlich ungeteilten – Badeanzug. Aber keinen Schritt – wenn man in diesem Zusammenhang von Schritt sprechen darf – weiter. Eine Frau ohne Kleider und ohne Badeanzug mochte realistisch sein (nicht einmal Marx hätte die Tatsache, daß es so etwas gibt, in Zweifel gezogen), aber es war eben keine sozialistische, sondern eine bürgerliche Tatsache. (Vielleicht liegt es daran, daß die "bürgerlichen Vorurteile", auch nach vierzig Jahren Sowjetherrschaft, noch nicht ganz ausgestorben sind.)

Nun aber zum Gegenstand unserer hoffnungsvollen, ja, wir sind unbescheiden genug, zu sagen, epochalen Betrachtung: Eine junge Frau ruht auf einem Bett, und einzig und allein das Licht aus einem offenen Fenster umhüllt ihren Körper. Am Fenster lehnt ein junger Mann und schaut gedankenvoll hinaus über die Dächer von Moskau. Irgendwo im Hintergrund ahnt man die Türme des Kreml. – Und damit ist eigentlich alles gesagt. Die junge Frau heißt Nina und ist die Gattin des Malers. Der junge Mann ist der Maler selbst, und der Kreml... nun ja, der entscheidet, ob das Bild auf dem Scheiterhaufen oder in einem Museum enden, ob ihm bestimmt ist, der Kunst neue Wege zu weisen, wie Manets "Olympia" und Picassos "Frauen in Barcelona", oder ob es als Ausdruck einer bourgeoisen Verirrung gebrandmarkt werden wird.

Die ersten Reaktionen sind hoffnungsvoll: Die nicht parteiamtliche "Literaturnaja Gazeta" meint, "prüde Bürokraten, Heuchler und Doktrinäre" hätten "allzulange die weibliche Schönheit aus der sowjetischen Kunst verbannt". Einem "unsterblichen Motiv, das so viele Realisten inspirierte, haben sie", so schreibt die Zeitung, "den Stempel des Unmoralischen aufgedrückt". Noch wichtiger für Nina und noch verheißungsvoller für die Zukunft der sowjetischen Malerei ist aber vielleicht eine Rede des bekannten Kunstkritikers Anatolni Tschelnow im Moskauer Rundfunk: "Die Schönheit eines nackten, besonders weiblichen Körpers", so sagte er, "jenes ewige Thema realistischer Kunst, hat wieder seinen Platz in der Malerei des sozialistischen Realismus gefunden." Dieser Satz ist ein Fanfarenstoß, den die sowjetischen Künstler, die demnächst in Moskau ihren Kongreß abhalten, nicht überhören können. "Sozialistischer Realismus" war bisher in diesem Zusammenhang nichts als eine Verbeugung vor der Partei. Eine notwendige Verbeugung, denn die Partei hat auch heute noch immer recht. Auch Nina hat man daher das Etikett "sozialistischer Realismus" umgehängt. Aber das geschah, um sie vor den "prüden Heuchlern und Doktrinären" zu schützen, und nicht, um ihr ein Leid anzutun. Den Namen, den die Partei vorschreibt, muß sie sich gefallen lassen. Aber – "was ist ein Name?; – was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften". –

Ninas Schöpfer ist heute 26 Jahre alt. Er hat auch andere weniger im Scheinwerferlicht des Interesses stehende Bilder gemalt als den "Morgen", Bilder, aus denen Sonne und Lebensfreude strahlt. Aber was in seiner Ausstellung fehlt, ist der parteiamtliche Zweckoptimismus: Bilder vom "steilen Anstieg der Produktion", der Aktivist und die Aktivistin, die Hand in Hand durch ein reifes Weizenfeld schreiten: Generale mit vielen Orden, Athleten und Athletinnen im Trikot (wie man deren in allen "Kulturparks" auch plastisch sieht, wie man im wilhelminischen Deutschland in allen öffentlichen Anlagen Kaiser-, Helden- und Kriegsdenkmäler sah) und ab und zu einmal eine Badeszene mit Badeanzügen! Soweit, bis zum Badeanzug, ging aber eigentlich nur der ehemalige Präsident der sowjetischen Kunstakademie Alexander Gerasimow, und auch er nur, nachdem er vorher sein Soll, wenn nicht Übersoll, an Stalinporträts erfüllt hatte.

Neugierige Journalisten haben Glazunow gefragt, wie er auf den Gedanken gekommen sei, so "unkonventionell" zu malen. Seine Antwort war: "Ich wollte einmal sehen, wie ernst es der Partei mit ihrer Aufforderung war, kühnere und phantasievollere Bilder zu schaffen." Aber Glazunows größte Sorge ist im Augenblick die Frage: "Wer kauft meine Bilder." Er muß ja schließlich leben – und Nina auch.

Eigentümlicherweise steht in den Berichten aus Moskau nicht, ob Glazunow ein guter oder ein, schlechter Maler ist. Wohl gibt es auch diesmal, wie bei jeder sowjetischen Kunstausstellung, ausgelegten Besucherbüchern zustimmende und ablehnende Urteile. So schrieb ein Sowjetbürger aus der Provinz: "Wüstling! Sie sollten sich schämen, Ihre Frau so zu zeigen!" Und ein anderer Besucher schrieb darunter: "Alter Esel!" Wir erfahren auch, aus dem Bericht eines amerikanischen Journalisten, daß die Bilder Glazunows spontane Lebensbejahung verraten. Aber ob Glazunow ein Genie oder ein Nichtskönner oder ganz einfach ein mittelmäßiger Maler ist, davon erfahren wir nichts.

Soviel scheint immerhin sicher: Das Hauptinteresse der Ausstellungsbesucher gilt nicht der schönen Darstellung eines Gegenstandes, sondern der Darstellung eines schönen Gegenstandes! G. U.