Auf den Briefumschlägen, die die Industriegewerkschaft Metall zur Zeit versendet, ist in knalligem Rot der Aufdruck zu lesen: "40 Stunden sind genug." Die Industriegewerkschaft Bergbau hat vor etwa drei Wochen mitgeteilt, daß sie bis 1959 die 35-Stunden-Woche für den deutschen Bergarbeiter einführen will und daß dieses Programm "mit allen gewerkschaftlichen Kampfmitteln" durchgesetzt werden würde. Weiterhin wurde gesagt, daß dies "natürlich" nur mit einem vollen Lohnausgleich verbunden sein könne, was also einer weiteren Lohnerhöhung von 15 bis 20 v. H. entsprechen würde...

Ist es den Gewerkschaften wirklich ernst mit der sooft betonten Argumentation, nämlich die Arbeitszeitverkürzung sei ein Sozial- und kein Lohnprogramm, wobei es ihnen in erster Linie auf die Gesunderhaltung der arbeitenden Bevölkerung ankomme? Es heißt: Die Arbeiterschaft müsse vor der "Ausbeutung ihrer körperlichen Kräfte" bewahrt werden ... Diese Argumente klingen gut; sie mögen auch sicherlich in manchen Funktionärskreisen ernsthaft bedacht und besprochen werden. In Wirklichkeit aber liegen die Dinge vielfach anders.

Per Saldo kommt nämlich keine Verkürzung der Arbeitszeit, sondern nur noch eine indirekte Lohn- und Überstundenerhöhung heraus. So laufen zwischen dem Unternehmensverband Ruhrbergbau und der Industriegewerkschaft Bergbau ständig Gespräche, um "im Interesse der allgemeinen Kohlenversorgung" an den erst vor wenigen Monaten erreichten und so hart erkämpften Ruhetagen Sonderschichten einzulegen. Die Zahl der Zechen, die am letzten offiziellen Ruhetag Kohlen gefördert haben, ist bereits größer als die Zahl derjenigen, bei denen die Arbeit ruhte. Auch die weiteren vier in das laufende Quartal fallenden Ruhetage sollen für Sonderschichten "ausgenutzt" werden. Was und wer wird nun eigentlich "ausgenutzt"? Der menschlichen Arbeitskraft, die geschont werden soll, wird jedenfalls nicht genutzt.

Wir halten diese Politik der Zechenleitungen für falsch, die Ruhetage durch Sonderschichten wieder wegzunehmen. Eines Tages werden die Gewerkschaften diesen Unternehmen den politischen Vorwurf der weiteren "Ausbeutung" der Arbeiterschaft machen. Und man wird sich nicht verteidigen können; das abgegriffene Argument von der volkswirtschaftlichen Verantwortung reicht dazu nicht aus. Die Verträge über die Arbeitszeitverkürzung sind geschlossen und müßten auch innegehalten werden. Die Gesamtwirtschaft muß sich eben, wenn sie sich diesen sozialen Luxus leisten zu können glaubt, danach richten und diesen "Luxus" bezahlen. Sonst werden die Relationen zwischen Produktivität und Lebensführung oder der alte Grundsatz (im übertragenen Sinne): "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist", niemals klar. Wer aber nicht weiß, was er für etwas bezahlen muß, wird immer weitere Forderungen stellen. Und die volkswirtschaftliche Rechnung geht dann nicht auf.

Im übrigen: in den Anzeigenteilen der Ruhrzeitungen häufen sich die Arbeitsangebote mit etwa folgendem Text: "Junger Mann mit den und den Fähigkeiten sucht für Sonnabend und Sonntag Beschäftigung..." Wollen die Deutschen wirklich nur 40 Stunden arbeiten, wie es die Gewerkschaften behaupten? Rlt.