J. B., Wien, im Februar

Wenn eine Aktie wesentlich unter ihrem Wert angeboten wird, wenn dazu die Kurssteigerung so gut wie garantiert und ein Rückgang unter dem Ausgabekurs so gut wie ausgeschlossen ist, wenn außerdem für den Verkauf noch eine nie dagewesene und geschickte Werbung entfaltet wird – so darf man sich nicht wundern, daß die Nachfrage das Angebot übersteigt, wie es jetzt bei der ersten österreichischen "Volksaktie" der Fall ist, die eigentlich mehr einen Rentenwert als eine Aktie darstellt.

Konkret geht es um 150 Mill. S Nennwert von den 500 Mill. Aktienkapital der Creditanstalt-Bankverein und 75 Mill. von den 250 Mill. Kapital der österreichischen Länderbank, die in 6prozentigen stimmrechtlosen Vorzugsaktien (also eben mehr Rente als Aktie darstellend) aus Staatsbesitz verkauft wurden. Der Ausgabekurs war mit 115 v. H. sehr günstig; betragen doch die offenen Rücklagen bei der Creditanstalt mehr als 90 v. H., bei der Länderbank mehr als 50 v. H. des Grundkapitals. Hohe stille Reserven sind mit freiem Auge sichtbar, z. B. in den zu einem Schilling bewerteten modernen Geschäftsgebäuden. Beide Papiere haben auf Grundlage der Industriebeteiligungen der Banken auch einen echten Substanzgeholt.

Warum macht aber der Staat ein solches Geschäft? Die politische Vorgeschichte wurde hier schon berichtet, wir wollen sie aber mit wenigen Worten wiederholen: Die Sozialisten gedachten die Volkspartei in Verlegenheit zu bringen, indem sie den Staatsangestellten bereits ab 1. Januar 1957 eine Gehaltserhöhung versprachen, während der Finanzminister sie erst ab 1. Juli im Budget unterbringen konnte. Der Finanzminister heißt aber Reinhard Karnitz; er läßt sich das nicht bieten und schlägt zurück: er verkauft zur Geldbeschaffung Aktien aus dem hundertprozentigen Staatsbesitz an den zwei großen Wiener Geschäftsbanken; die Sozialisten handeln zwar im Kompromißwege vom ursprünglichen Plan allerhand ab, müssen aber schließlich einem gemäßigten Projekt zustimmen.

Die Verkaufsfrist wurde vom 28. Januar bis zum 28. Februar festgesetzt. Aber schon nach einer Woche war die Summe gezeichnet. Und in der ersten Hälfte der Zeichnungsfrist lagen Aufträge von 61 000 künftigen "Volksaktionären" über 347 Mill. $ vor. Man nimmt jedoch noch weitere Bestellungen an und wird dann wohl Kleinaufträge bevorzugt bedienen, große Orders entsprechend kürzen, um vor allem durch breite Streuung den Begriff "Volksaktie" zu rechtfertigen.

Für die Volkspartei und ihren Finanzminister geht es um die Erreichung mehrerer Ziele. Erstens wird "das Wort der Wahlpropheten erfüllet", die im Mai eine "Volksaktie" versprochen hatten; zweitens kann man eine Reprivatisierung von Staatsbesitz veranschaulichen; drittens bekommt man tatsächlich das Geld für die Gehaltszulagen herein (was allerdings Vermögensveräußerung zur Deckung laufender Ausgaben bedeutet).

Natürlich sind diese Aktien ein Verkaufsschlager. Da nicht alle angemeldeten Zeichner zum Zuge kommen, werden die Papiere an der Börse im Kurs steigen. Ein Risiko ist nicht sichtbar, denn ein solches Prestigepapier wird niemals unter den Ausgabekurs sinken. Also treten Spekulanten an, die nach einem gewissen Kursanstieg wieder verkaufen werden. Es kaufen aber auch wirklich viele kleine Leute – und damit wird jenes Ziel erreicht, das bei allen sonstigen Vorbehalten gegen die Aktion das Unternehmen rechtfertigt: Die Aktie wird volkstümlich gemacht; Österreich kann durch echte Emissionen bei anderen verstaatlichten Unternehmen in der Industrie zur Geldbeschaffung für Investitionen den Vorgang wiederholen; es kann auch daran denken, die steuerliche Benachteiligung der Aktie schrittweise abzubauen. Die Sozialistische Partei Österreichs registriert den Einbruch privatwirtschaftlicher Interessen in die verstaatlichte Großbanken-Gruppe mit einem gewissen Unbehagen, zumal bei der Volkspartei offensichtlich schon Pläne bestehen, spätestens im Herbst auch "Volksaktien" von verstaatlichten Industriebetrieben (Elin AG) zum Verkauf zu bringen.