W. L., München

Im Münchener Luitpoldtheater wurde im November vorigen Jahres die Ungarische Rhapsodie in einer Sondervorführung gezeigt. Alle Beteiligten hatten sich unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Der Filmverleih verzichtete auf die Miete; Beleuchtungs- und Heizungskosten trug die Kinobesitzerin und die Kapelle Piroschka gastierte gratis.

Ungarischen Flüchtlingen konnte damals der Reinertrag dieser Filmvorführung in Höhe von fünftausend Mark zur Verfügung gestellt werden – denn die Stadt München hatte auf Steuern verzichtet. Mit der Bitte um Erlaß der staatlichen Umsatzsteuer hatte man sich an das Finanzamt München-Nord gewandt.

Der Leiter der Umsatzsteuerstelle, Regierungsrat Dr. Sliwka hatte Verständnis für dieses Gesuch und war sich auch klar darüber, daß die Abgabenordnung des Bundesfinanzministeriums die Möglichkeit gibt, in einem solchen Falle auf Umsatzsteuer zu verzichten. Sein Vorgesetzter aber, Regierungsdirektor Markgraf, gab Anweisung, das Gesuch abzulehnen. Eine Welle der Entrüstung brandete gegen das Finanzamt München-Nord.

Dr. Sliwka wurde zum Mittelpunkt des öffentlichen Ärgernisses. Die Zeitungen berichteten über diesen "paragraphengetriebenen Roboter", der sich außer Dienst an den Sachspenden für Ungarnflüchtlinge beteiligte, jedoch hinter seinem Schreibtisch offensichtlich zur Seelenlosigkeit erstarrte.

Regierungsrat Dr. Sliwka schwieg zu diesen Vorwürfen und steckte die Ohrfeigen ein. Regierungsdirektor Dr. Markgraf hatte sich krank gemeldet.

"Völliges Versagen eines subalternen Beamten – unbegreiflicher Mangel an Fingerspitzengefühl – unverständliche Maßnahme" – so und ähnlich klang es aus dem Finanzministerium, obwohl doch gerade dort die Meldungen über den wahren Sichverhalt zusammenliefen. Gerade dort wußte man doch, wer für das "völlige Versagen" und für "die unverständliche Maßnahme" verantwortlich war.