Indem ich das Niedergeschriebene noch einmal überblicke, kommt es mir vor, als hatte ich einem Flohzirkus zugesehen. Auf dem Heimwege von einer solchen Attraktion überkommt einen leicht das ungute Gefühl, einer der kleinen Akteure sei ausgebrochen und mache sich nun bemerkbar. Das ist das Gefühl, das ich morgen früh haben werde, wenn wieder so ein Brief von Christian Bolte in der Post der Kreditanstalt liegt. Es ist aber auch die einzige Regung, die mir dieses Insekt noch abnötigen kann. Vermögensrechtlich ist mein Institut an dem Tierchen überhaupt nicht interessiert. Wenn es das einzige seiner Art wäre, verlöre ich darüber sowieso kein Wort.

Gewiß, Pannen gibt es überall – aber wenn sie der Gesetzgeber macht, sind sie eben besonders teuer. Man wird mir vielleicht unterstellen, ich hätte ein unvermeidliches Malheurchen unter das Mikroskop gelegt, das schon in den halbamtlichen Kommentaren von 1935 als solches erklärt ist. Jawohl, da konnte man es lesen. Aber dann erkläre man mir, warum man es (siehe oben Akt 2–6) auf die kunstvollste Weise wieder belebte und sogar noch skurrile Mutationen züchtete!

Wir kommen daher um die Frage nicht herum: Wie sehen eigentlich die Leute aus, die solche Insekten ausbrüten? Man erwarte nicht, daß ich jetzt den Fliegengott Beelzebub an die Wand male oder mit Enthüllungen drohe. Es ist verblüffend: Diese Leute sehen genauso aus wie andere Menschen unserer Tage auch. Jeder Staatsbürger hat offenbar den Gesetzesmacher, den er verdient.

Beschlossen werden die Gesetze unserer Demomokratie von den Parlamenten. Diese können nur arbeiten in engem Kontakt mit den Kronjuristen der Bürokratie. Wenn also unsere Betrachtungen in eine Art Anklage ausmünden sollten, säßen die Juristen in der vordersten Bank.

Zur Person der Angeklagten wäre hervorzuheben, daß sie vornehmer Abkunft sind. Ihre geistigen Väter erwarben im vorigen Jahrhundert Weltruhm, der insbesondere in den romanischen Ländern noch nicht ganz verblaßt ist. Auch die umfassende Kodifikation des Reichsrechts um die Jahrhundertwende fand über ihren Geltungsbereich hinaus Beachtung. Der Respekt vor dieser Leistung ist inzwischen stark gewichen. In der Tat: die Geheimräte und Richter von 1890 konnten es vollendet formulieren, daß z. B. eine abgegebene Willenserklärung in erster Linie danach auszulegen sei, wie sie bei objektiver Würdigung der Gesamtumstände vom Empfänger verstanden werden mußte – man würde heute sagen: wie sie ankam. Daß aber das ganze Gesetzgebungswerk nur sehr unvollkommen "ankam", nicht nur unten beim Volk, sondern eben auch bei den berufenen Rechtswahrern: diesen Mangel ihrer Willenserklärung haben die Gesetzgeber von 1896/1900 offenbar nicht bemerkt. Ich schließe mich von dieser Qualifikation eines unzureichenden Empfängers keineswegs aus. So habe ich das BGB durchaus studiert mit heißem Bemühen. Aber gewisse entscheidende Kreuzgelenke des Gesetzesmechanismus habe ich erst entdeckt, als das letzte Examen längst hinter mir lag.

Trotzdem soll man sich an dem billigen Spott derer nicht beteiligen, die unsere geistigen Großväter als geheimrätliche Gehirnakrobaten abtun wollen. Denn eines glaube ich bestimmt: Wenn man sich vorstellt, das Insekt von 1932 hätte über ihren Schreibtisch kriechen müssen – es wäre im Dunkeln der Schublade verschwunden.

Man war doch damals gewohnt, sich auch die Frage vorzulegen: "Was kommt danach?" Nicht umsonst hatte diese Generation eine gehörige Portion mittelalterlichen Schutts an die Seite geräumt, um einen stolzen Neubau zu errichten. So ging ihr das Bewußtsein der geschaffenen Ordnung nicht verloren, und sie spürte die Verpflichtung, sie auch zu halten. Auf die nächste Generation hat sich das schon nicht mehr übertragen. Ich erwähnte die tragische Verknüpfung, die diese Entwicklung einleiten mußte. In der Unkenntnis der eigenen Ausgangsstellung, in dem fehlenden Bewußtsein noch intakter ererbter Ordnungswerte liegt der wichtigste Grund für das Durcheinander, über das wir uns alle beklagen.