Adenauer nach Washington: Adenauers Wunsch, in diesem Sommer nach den USA eingeladen zu werden, ist in Erfüllung gegangen. Der Besuch wird voraussichtlich Mitte Mai stattfinden. Adenauer legt sowohl aus allgemeinen politischen wie aus wahlpsychologischen Gründen großen Wert darauf, diesen Besuch zu einem Erfolg und einer eindrucksvollen Demonstration der Freundschaft zwischen Bonn und Washington zu machen.

Ollenhauer in USA: Der Führer der sozialdemokratischen Opposition, Erich Ollenhauer, fand in Washington freundliche Aufnahme, mußte sich aber von dem amerikanischen Gewerkschaftsführer Meany sagen lassen, daß die "amerikanischen Gewerkschaffen in ihrer Sprache keinen Platz" für das Wort Neutralismus hätten". Ollenhauer ging nicht auf die Frage der Neutralität ein, verwies aber auf die "traditionelle Opposition der deutschen Sozialdemokraten gegen jede Diktatur von links oder reichts". Den deutschen Sozialdemokraten liegt naturgemäß viel daran, die Amerikaner zu überzeugen, daß die amerikanisch-deutsche Freundschaft bei einer sozialdemokratischen Regierung in Bonn genausogut aufgehoben wäre wie bei einer christlichdemokratischen.

Neuer Außenminister im Kreml: Das Moskauer Führungskollektiv beschloß, Außenminister Schepilow ins Parteisekretariat zurückzuholen und ihn durch den Berufsdiplomaten Gromyko zu ersetzen. Eine Änderung der bisherigen außenpolitischen Linie ist mit dem Personenwechsel als solchem nicht verbunden und Schepilow wird auch als Parteisekretär die sowjetische Außenpolitik mitbestimmen. Zu erwarten ist jedoch unter Gromyko eine weitere Verstärkung der sich schon unter Schepilow in den letzten Monaten anbahnenden Entwicklung in der Richtung einer mehr "isolationistischen", das heißt national-russischer statt einer international – kommunistischen Politik. Polen und Ungarn waren ja in erster Linie kommunistische und erst in zweiter Linie russische Niederlagen.

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Schepilow-Doktrn: Vier Tage vor seinem Abgang als Außenminister verkündete Schepilow ein neues Sechs-Punkte-Programm für den Nahen Osten als "Gegenzug" gegen de Eisenhower-Doktrin. Ein Verzicht beider Seiten auf Einmischung und auf Waffenlieferungen sind die wichtigsten Punkte des Programms. Die Vorschläge Schepilows, besonders er eines Waffenembargos, haben im Westen kein ungünstiges Echo gefunden, doch hängen alle Befriedigungsvorschläge für den Nahen Osten (das gilt für den Plan Schepilows genauso wie für die Eisenhower-Doktrin) in der Luft, solange der Palästina-Konflikt nicht gelöst ist.

Antworten an Bulganin ...: Die Antwort des Bundeskanzlers auf die Bulganin-Botschaft werde "keine deutschen Gegenvorschläge enthalten", erklärte Außenminister von Brentano. – Der sozialdemokratische Abgeordnete Wehner warnte davor, die Botschaft "einfach als negativ abzutun". Ähnlich äußerte sich der von seiner Krankheit wiedergenesene Vizepräsident des Bundestags Carlo Schmid (SPD). In einer Rundfunkansprache erklärte er, die Botschaft biete einen guten Anlaß, den gegenwärtigen diplomatischen Kontakt "zu echten und fruchtbaren Beziehungen auszubauen".

Tommies gehen doch: Die britische Regierung gab ihren Beschluß bekannt, ihre Truppen in Deutschland aus Ersparnisgründen um &tund 30 000 Mann zu verringern. Die Zahl von vier Divisionen soll jedoch erhalten und ihre Schlagkraft durch Umstellung auf Kernwaffen erhöht werden.

Sirius, 21. 2. 1957