Wiesbaden, im Februar.

Mainz ist die älteste Stadt Deutschlands; aber Wiesbaden, die Rivalin am gegenüberliegenden Rheinufer, will die schönste sein – so begann bei einer Flasche 1953er Steinberger Cabinet Spätlese unser Gespräch über die Vorzüge der rechts- und linksrheinischen Landschaften, ihre Sehenswürdigkeiten und ihre Anziehungskraft auf die Reisenden aus Deutschland, Europa und allen anderen Erdteilen. "Wiesbaden", so ergänzte ich, "ist zwar kaum jünger als das Römerkastell Mainz, und seine heißen Quellen mögen schon in grauer Vorzeit die vom Reißen geplagten Krieger des dunstigen Germanen- und Keltenlandes zu dauerndem Aufenthalt verlockt haben. Aber es ist auch immer der Ehrgeiz der Badewirte und Quellenanwohner gewesen, nicht nur das Alte zu bewahren, sondern das Land und seine Menschen ständig zu verjüngen. Wiesbaden ist darum die moderne Kurstadt geworden..."

Da mein Auftrag, über Wiesbaden als Kongreßstadt zu schreiben, in die Karnevalszeit fiel, war ich bei jener Flasche Steinberger Cabinet nicht allein geblieben: vier würdige Männer hatten sich an meinen Tisch gesetzt. Drei von ihnen schienen vom Maskenball zu kommen; allerdings wirkten ihre historischen Kostüme so echt und ihre Mienen so ernst, daß man sie nicht für Narren halten mochte. "Das Wort modern", so nahm jetzt der eine von ihnen, ein mit vielen Orden geschmückter Repräsentant der Biedermeierzeit, das Wort, "mißbehagt mir sehr. Ich muß Ihnen zwar zugestehen, daß das neue dreizehnstöckige Hochhaus des Statistischen Amtes für den Deutschen Bund" – er sagte "Deutscher Bund" statt Bundesrepublik – "ein Musterbeispiel fortgeschrittener Baukunst ist, ebenso das Gebäude der Deutschen Pfandbriefanstalt und das Kriminalamt des Deutschen Bundes. Aber da man überall auf die Landschaft Rücksicht genommen und auch die Anknüpfung an das Klassische nicht versäumt hat, so finde ich Gefallen an diesem jungen Wiesbaden. Die Zeit schreitet in Stürmen vorwärts; ihren ungestümen Gang gewaltsam aufhalten zu wollen, wäre ein eitles Unternehmen. Nur durch Festigkeit, Mäßigung und Weisheit, durch vereinte und in der Vereinigung wohlberechnete Kraft seine verheerenden Wirkungen zu mildern, das ist uns geblieben. Dieses Ziel läßt sich sehr einfach bezeichnen, es ist nichts mehr und nichts mir.der als die Erhaltung des Bestehenden..."

"Ich habe diese Sätze schon irgendwo einmal gelesen", entgegnete ich und beobachtete gleichzeitig, wie der Biedermeierherr dem Ober auf der Karte einen Rheingauer Wein bezeichnete, und zwar einen Johannisberger. "Haben Sie etwa hier in der Nähe ein Familienweingut?" fragte ich. Und dann wurde mir alles klar: natürlich, Fürst Metternich! Daß ich Durchlaucht nicht sogleich erkannte...

Aber ehe ich den kaiserlichen Minister weiter über seine Wiesbadener Eindrücke befragen konnte, mischte sich ein anderer, finster dreinblickender Tischgenosse ein, der bisher mit verschränkten Armen vor seinem französischen Rotwein gesessen hatte. "Ich finde", so sagte er, "daß man den Wiesbadenern kein größeres Kompliment machen kann, als indem man ihnen zugesteht: sie haben Esprit. Das läßt sich nun wohl überhaupt von der rheinischen Nation sagen." Die "rheinische Nation" mißfiel mir. Aber der Fremde fuhr fort: "Erlauben Sie es dem rechtmäßigen Oberhaupt desjenigen Volkes, das der Welt neben vielen anderen Geschenken den Kilometer gegeben hat – an Stelle Ihrer preußischen und rheinischen, katzenellenbogischen und sonstigen Meilen – die Vorzüge Wiesbadens auf das nüchternste darzutun: die Stadt liegt an der natürlichen Grenze Deutschlands und Frankreichs, und zwar genau 456 Kilometer von Paris und 456 Kilometer von Berlin, 1430 Kilometer von Madrid und 1430 Kilometer von Sofia, 599 Kilometer von Wien und 599 Kilometer von dem abscheulichen London..."

"Holla", polterte daraufhin der dritte von den Herren los, "wenn Ihr nicht for 136 Jahren fon St. Helena in die Hölle gefaren wärt, würde ich Euch jetzt for Euere natürliche Grenze’ am Rhein den Schädel spalten. Wenn Ihr Anno 1957 in diese Stadt noch was Franzosisches hören wollt, kommt mit mich ins Kurhaus zum Roulett. Da wird Euch der Rien ne va plus ganz bedenklich in die Ohren klingeln." (Ich erinnerte mich, daß Marschall Blücher schon vor 140 Jahren gern ins Wiesbadener Kurhaus ging.)

"Aber meine Herren", versuchte Metternich zu begütigen, "Ihr Streit ist doch nun längst entschieden. Sie scheinen am Wiener Kongreß keinen Anteil genommen zu haben. Im übrigen", sagte der Minister verbindlich lächelnd zu mir, "würde ich heute vielleicht einem Wiesbadener Kongreß den Vorzug geben. Das Schwergewicht hat sich an den Rhein verlagert, wenn auch die Donau eines Tages wieder ihre Rolle spielen dürfte. Aber ich habe schon zu meiner Zeit die Entwicklung des Eisenbahnwesens mit großer Aufmerksamkeit verfolgt: ich kann die Kilometerangaben, die Seine Majestät der Kaiser der Franzosen in sehr zeitgemäßer Weise aus den Luftlinien berechnet hat, noch aus dem Studium der Eisenbahnkarte ergänzen: von Berlin nach Wiesbaden sind es auf dem Bahnwege 575 km, von Hamburg 580, von Innsbruck 585 km. Von Stuttgart gelangt man ebenso wie von Düsseldorf auf 225 Kilometern Schienenweg hierhier, von München ebenso wie von Amsterdam in 455 Kilometern. Wiesbaden liegt also wirklich zentral, es ist ein idealer Ort für Tagungen, nicht nur weil es sich dem Rheingau, der Mitte des deutschen Weingartens, anschmiegt. Ein neuer ‚Wiener Kongreß‘, zu dem aus allen Landeshauptstädten des jetzigen Deutschen Bundes und dazu aus Bonn und aus Berlin eine gleiche Anzahl von Teilnehmern erwartet würde, könnte nirgends bequemer und vorteilhafter als in Wiesbaden veranstaltet werden. Die Delegierten würden im Durchschnitt eine Anreise von 335 Kilometern haben; nach allen anderen Kongreßstädten des Bundesterritoriums wäre die durchschnittliche Reisestrecke länger ... Nur meine ich, daß der klassische Quellenbezirk mit dem Kurhaus, diese Oase der Ruhe, für Kongresse ganz großen Stils nicht ausreichenden Raum bietet."