Das Fortschritts-Tempo hat in den letzten Monaten spürbar nachgelassen

Von E. Robert Singer

Die Prognosen der nordamerikanischen Wirtschaftsexperten gehen schon seit einiger Zeit dahin, daß der langjährige Boom eines Tages höchstwahrscheinlich von einer mehr oder minder kontinuierlichen Wirtschaftsaktivität auf relativ hohem Niveau abgelöst werden würde. Diese Voraussagen scheinen sich nun zu bestätigen. Das klingt recht beruhigend für alle, die mit einer "recession" der sogar mit einer "depression" am Ende der Periode des höchsten Konjunkturstandes gerechnet hatten, dessen sich die USA je erfreuen konnten. Freilich gibt es auch pessimistischere Prognosen!

New York, Ende Februar

In den Vereinigten Staaten ist jetzt das Stadium erreicht, in dem einstweilen eine weitere Zunahme des Wirtschaftsvolumens nicht mehr zu erwarten ist. Auch die vorhandene Produktionskapazität muß für einige Industriezweige bereits als reichlich hoch angesehen werden: so beispielsweise in der Textil- und Papierindustrie, in der Aluminiumindustrie und – last but not least – in der Automobilindustrie. Die Abnehmer stehen, kaum noch irgendwo nach Ware an, wie das hier kürzlich einmal gesagt worden ist, und die Kaufgewohnheiten des Publikums haben sich verändert.

Die Umsätze in preiswerten Erzeugnissen nehmen zwar noch zu. Im Dezember v. J. waren die Verkäufe von billigen Personenwagen (also Ford, Plymouth und Chevrolet) auf 60 v. H. des Gesamtabsatzes der Autoindustrie gestiegen, während sie im Durchschnitt des vorigen Jahres nur 56 v. H. betragen hatten. Auch aus der elektrotechnischen Industrie und von den Fabrikanten von Rundfunkgeräten und Fernsehapparaten wird berichtet, daß die an sich befriedigenden Umsätze des vergangenen Jahres im wesentlichen auf Grund des höheren Verkaufsvolumens von kleineren und mittleren Apparaten erreicht worden sind. Aber der Auftragsbestand in wichtigen Industriezweigen geht im Augenblick zurück. Namentlich in der Textilindustrie ist es zu Produktionseinschränkungen und zu Betriebsschließungen gekommen, weil die Aufträge hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Die Bekleidungsindustrie bestellt nur in dem Maß, in dem sie selbst Orders hereinbekommt; im Großhandel, und im Einzelhandel wird abgewartet, wie sich die Konsumenten letzten Endes verhalten werden.

Mit der üblichen Frühjahrsbelebung wird man wohl schon in Anbetracht des späten Osterfestes in diesem Jahre etliche Wochen länger warten müssen als im Vorjahre, aber die Kaufkraft der Verbraucher ist groß, und wie George W. Mitchell, ein Vizepräsident der Federal Reserve Bank von Chikago, vor einigen Wochen erklärte, werden den Konsumenten während des laufenden Jahres alle Kredite zur Verfügung stehen, die sie in Anspruch zu nehmen wünschen. Dr. Saulnier, der neue Vorsitzende des Gremiums der Wirtschaftsberater des Präsidenten, hat zwar Anzeichen dafür wahrzunehmen geglault, daß mit einer größeren Kreditnachfrage der Konsumenten im Laufe des Jahres zu rechnen ist, aber in den Kreisen der Nächstbeteiligten ist in dieser Beziehung keine Beunruhigung festzustellen. So ist Theodor V. Hauser, der Aufsichtsrats Vorsitzende von Sears Roebuck & Co, dem riesigen Versandhauskonzern des Landes, der Ansicht, daß das eigene Urteil des Publikums und das der Finanzierungsgesellschaften völlig ausreicht, um Exzesse zu verhindern, und daß Regierungskontrollen, auf den Gebiet der Konsumentenkredite, die hier gelegentlich diskutiert worden sind, nicht erforderlich sind. Gerade Mr. Hausers Urteil sollte aber besondere Beachtung finden, denn nicht weniger als 42 v.H. des gewaltigen Umsatzes von Sears Roebuck & Co. sind im vergangenen Jahr mit Hilfe von Abzahlungskrediten finanziert worden...