Die sowjetzonale "Neue Deutsche Literatur" – die repräsentative Monatsschrift des kommunistischen Deutschen Schriftstellerverbandes der "DDR" – hat in ihrem Januarheft unter der Überschrift "Schule der Täter" die "Geschichte der deutschen Literatur" eines gewissen Dr. W. Graben nicht eben freundlich besprochen – genau gesagt: dem Dr. Grabert wurde von dem Ostberliner Rezensenten vorgeworfen, eine Nazi-Literaturgeschichte verfaßt zu haben. Nun weiß man nachgerade, daß die literarischen Funktionäre von drüben mit solchen gravierenden Vorwürfen gern um sich schlagen. Doch wie’s so geht, wenn man ein bißchen wild um sich schlägt: mal erwischt man auch den Richtigen. Und in diesem Falle scheint’s...

In den Jahren der Re-educatiön war der bayerische Staat laut Besatzungsdirektive verpflichtet, den Schülern die Schulbücher kostenlos zur Verfügung zu stellen. Damals gründete das Bayerische Erziehungsministerium den "Bayerischen Schulbuchverlag", der allein für den Staat arbeitet. Und es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, daß just in diesem Verlag, der durch die Idee antifaschistischer Umerziehung der Besatzungsmächte indirekt gegründet wurde und durch unsere Steuergelder direkt gespeist wird, die Literaturgeschichte Graberts 1953 in erster, 1955 in zweiter Auflage erschien. Die dritte Auflage wird soeben vorbereitet, die dritte Auflage eines Buches, in dem man liest:

"Dwinger, Erich Edwin: schildert in seinen Romanen vor allem die Not des ersten Weltkrieges und das Leiden der Gefangenen ..."

Recht so. Gewiß hat Herr Dr. Grabert (ein pensionierter Lehrer, wie wir hören) dabei an jene. Szene in den "Letzten Reitern" gedacht, wo zwei deutsche Soldaten auf Geheiß eines baltischen Adligen eine gefangene Lettin totpeitschen, bis sie nur noch ein entstellter blutiger Brei ist... Aber wenn Grabert das gedacht hat, hätte mar’s den Jungen und Mädchen, die seine Literaturgeschichte lesen, doch eigentlich deutlicher sagen müssen. Sie könnten sonst auf die Idee kommen, Dwinger sei in seinen Büchern ein Autor, der untendenziös die großartigen Deutschen und ihre schrecklichen Qualen schildere, und nicht ein Mann, der sich doch (vorsichtig ausgedrückt) zumindest streckenweise mit nichtdemokratischen Ideen schriftstellerisch identifiziert hat...

Und weiter liest man: "Hans Grimm schrieb 1925 den politischen Roman der Zeit "Volk ohne Raum‘ ... Ernst und Gesinnung des Romans lassen die Bedenken über den politischen Mißbrauch, der mit ihm getrieben wurde, zurückstehen ..."

Nanu: Welch einen Mißbrauch haben denn da bloß die bösen Nazis mit dem braven Grimm getrieben? Daß sie aus seinem Buch eine ihrer Hauptthesen (eben die vom "Volk ohne Raum") entwickeln konnten, daß sie in diesem Roman alles an berechtigten und unberechtigten Ressentiments fanden, mit denen sie die Massen dann verführen konnten – heißt das Mißbrauch mit einem Buch getrieben? Ich würde es eher eine werkgetreue Interpretation nennen...

Es versteht sich, daß man gar nicht darauf rechnen darf, in einer solchen Literaturgeschichte Namen wie Hermann Broch, Heinrich Mann oder Joseph Roth überhaupt zu finden (über Musil sind zwei Sätze im Namensregister), daß dafür aber eine stattliche Reihe von Autoren wie Blunck, Dwinger, Grimm, Zillich, Pleyer, Kolbenheyer aufgeführt wird. Es versteht sich, daß da, wo der Autor um der "lieben Objektivität willen" auch einmal über Schriftsteller und Literaturrichtungen spricht, die seinem Herzen nicht so nahe stehen, geradezu komische Formulierungen entstehen, über die man lachen könnte, wenn’s nicht so traurig wäre. So erfahren wir im Namen- und Sachregister vom Expressionismus, daß ein "konvulsivischer Stil" seinen Vertretern eigen gewesen sei, von dem Lyriker Johann Christian Günther, daß er "Unstet steht... am Anfang einer neuen ... Dichtung", und von Arthur Schnitzler heißt es kurz und bündig: "Ernste feste Bindungen kennt er nicht." Früher pflegte eine solche Feststellung meist mit dem Satz fortgesetzt zu werden: "Er hatte das jüdische Intellektuelle..." Und vielleicht hätten wir dem Dr. W. Grabert eine gewisse Achtung nicht versagt, wenn er den Mut gehabt hätte, diesen Satz in seine Literaturgeschichte von heute hineinzuschreiben. Er hätte dann wenigstens mit offenem Visier gekämpft. Wer aber unter der Maske des demokratischen Biedermannes die Anschauungen von gestern vorsichtig in unsere Jungen und Mädchen einspritzen will, der verdient noch nicht einmal mehr offene Feindschaft. Und wer solche scheinbar objektiven Formulierungen wie zum Beispiel die, daß der Protest des Expressionismus "sich allerdings mehr in programmatischer Proklamation als in bleibenden dichterischen Leistungen äußerte", oder die, daß Heine noch heute "im Ausland (!) ebensoviel" bedeute "wie Schiller, Goethe, Nietzsche und Rilke..." niederschreibt, der soll nicht denken, daß wir seine Gesinnung nicht erkennen.

Dem Dr. W. Grabert und dem Bayerischen Schulbuchverlag, die wohl jetzt an der dritten Auflage ihres trefflichen Werkes arbeiten, sei gesagt: wir lassen unsere Jugend nicht noch einmal vergiften, gleich, ob das nun mit Absicht oder – was ja möglich wäre – aus mangelnder Einsicht unabsichtlich geschieht. Sollte eine dritte Auflage tatsächlich erscheinen, so kann sie unserer Aufmerksamkeit gewiß sein. Paul Hühnerfeld