Die Geschichte eines Widerstandes, aus dem eine Revolution werden kann – V. Ungarn: Es begann im Petöfi-Kreis

Von Heinz Kersten

Während bei der polnischen Rebellion, deren Chronik wir heute abschließen, keine Panzer schossen und keine Molotow-Cocktailsexplodierten, wurde der Aufstand in Ungarn für alle Welt zu einer blutigen Demonstration leidenschaftlichen Freiheitswillens. Ungarn – was war das bis zum Oktober 1956 für uns anderes als Csardasfürstin, Zigeunerbaron und Juliska aus Budapest? Erst während der Revolution tauchten in der Presse die Namen bisher unbekannter ungarischer Schriftsteller auf, die den Geist des ungarischen Freiheitskampfes verkörperten. Man horchte eine Zeitlang auf, aber im Grunde wissen wir jetzt von Ungarn nicht viel mehr als vorher. Wie es jedoch zu dieser Erhebung des ungarischen Volkes kam, das gehört zu den erregendsten Kapiteln der Geschichte unserer Zeit...

Die geistige Saat des Intellektuellen war aufgegangen, die "polnische Oktoberrevolution" war ihr Erfolg. Jetzt standen sie vor der fast noch schwierigeren Aufgabe, ebenso klar wie bisher ein Anti nun ein Pro zu formulieren. Die gleichen Intellektuellen, die zuvor mit allem Elan das Regime angegriffen hatten, unterstützen heute grundsätzlich die neue Führung, wobei es keinen Unterschied zwischen Marxisten und Nichtmarxisten gibt. Gleichzeitig wird betont, daß die Führerrolle der Partei sich künftig darauf beschränken müsse, dem Sejm als oberstem Organ der Staatsgewalt Vorschläge zu unterbreiten, und daß die Partei in keiner Weise zur Lenkung von Kultur und Wissenschaft berechtigt sei.

Zu den hoffnungsvollen Aspekten der polnischen Entwicklung zählt schließlich die Herausbildung eines neuen Verhältnisses zum Westen. Seit die Rebellion der Intellektuellen begann, mehren sich in der Presse Artikel, in denen Reiseeindrücke aus westlichen Ländern in objektiver, in vom früheren Schwarz-Wieß-Schema abweichender Weise wiedergegeben werden, wodurch der Leser ein ganz neues Bild von der Wirklichkeit des Kapitalismus erhält. In Nowa Kultura verurteilte Zbigniew Florczak die demagogische Darstellung westlicher Verhältnisse: "Den hungernden Leuten in den Volksdemokratien versuchte man einzureden, daß der deutsche Arbeiter; der genug für sein tägliches Brot einschließlich Butter und Fernsehapparat verdient, vor Empörung zittert, weil sein Brötchengeber und Fernsehlieferant so viel verdient, daß dieser sich Brot mit Kaviar und zehn oder mehr Fernsehapparate leisten kann."

Polen steht erst am Beginn eines Experiments, dessen Ausgang niemand vorauszusagen wagt. Doch zeigen sich bereits deutlich die Ausstrahlung gen des polnischen Vorbilds auf die Intellektuellen der noch unter stalinistischer Herrschaft stehenden Ostblockstaaten. Warschau wurde der optimistische Kontrapunkt zur Tragödie von Budapest. Es gibtden noch Unterdrückten die Gewißheit, daß die in Moskau begonnene Götzendämmerung auch durch den Einsatz sowjetischer Panzer gegen Ungarn nicht aufgehalten werden konnte ...

Im Sommer 1953 saßen in einem kleinen Budapester Zimmer sieben junge Menschenbeisammen. Außer dem Hausherrn István Lakatos, einen schon erfolgreichen Dichter, der Sohn des Direktors der Budapester Oper, ein Maler, ein Archäologe, ein Journalist und noch zwei andere junge Intellektuelle. Sie wollten einen Kreis gründen, in dem man frei und ungezwungen sprechen konnte, ohne sich vor der AVO, der ungarischen Geheimpolizei, fürchten zu müssen. Drei Jahre später kamen im größten Hörsaal der Budapester Universität Tausende zu einem Gespräch dieses Kreises, dem man den Namen des ungarischen Freiheitsdichters von 1848, Petöfi, gab, zusammen und protestierten gegen das System der Lüge.