Von Walter D. Schultz

in sechsfacher Mord leuchtet ein – der Mord an sechs Millionen wird Abstraktion, Statistik. Kühl-rationale, korrekt-bürokratische, wohlorganisierte Massenmördern am europäischen Jucentum in den Vernichtungslagern – wer vermöchte solche Tragödie noch zu fassen?

Das Grauen jeher Jahre jüdischer Todesnot in Ungarn schildert das Buch von:

Alex Weissberg: "Die Geschichte von Joel Brand." Kiepenheuer und Witsch, Köln; 12,80 DM,

höchst konkret als Erlebnisbericht. Alex Weissberg schreibt nur nieder, was Joel Brand erzählt, der nach seinen Angaben in den Jahren 1941–4 einer der Führer der ungarischjüdischen Untergrundbewegung in Budapest war. Brand lebt heute in Deutschland.

Aus einer privaten Aktion, zunächst zur Rettung bereits deportierter Verwandter Brands, entsteht allmählich ein großes, wirksam arbeitendes Netz zur Rettung jüdischer Menschen vor Verschleppung und Gaskammer. Es gelingen mehr oder weniger offizielle Kontakte zur SS und zum deutschen Nachrichtendienst, zu Schmugglern, der Untergrund bedient sich auch der Unterwelt. Dokumentenfälscherzentralen arbeiten mit Hochdruck, Geldsammlungen unter wohlhabenden jüdischen Bürgern ergeben Millionen von Pengö, Hunderttausende von Dollar, Tausende von englischen Pfunden, auch das Ausland hilft: Lösegelder, Bestechungsgelder, Fluchtgelder. Fünfzigtausend Pfund Sterling stoppen zunächst die Deportationen aus der Slowakei. Aber gegen Ende des Krieges, 1944, drehen sich die Räder der Vernichtung schneller. Den Höhepunkt bildet die phantastisch-makabre Verbandlung Brands mit dem für die Liquidierung aller europäischen Juden Beauftragten Himmlers, dem SS-Obersturmbannführer Eichmann in Budapest (nach dem Krieg verschwunden) Eine Million Juden gegen zehntausend Lastkraftwagen, "fabrikneu", "für den Wintergebrauch geeignet, mit Anhänger", die, so wird "ehrenwörtlich" versichert, "nur an der Ostfront zum Einsatz kommen werden". Die Krematorien und Gasöfen sollen gesprengt, die Lager aufgelöst werden, Himmler habe zugestimmt. Im andern Falle...

Die Illegalen nehmen Verbindung zum Ausland auf, zur Jewish Agency, der internationalen Zentrale aller jüdischen Organisationen. Brand wird von seinen Mitkämpfern nach Konstantinopel geschickt, um das groteske Angebot Eichmanns zu überbringen und zu verhandeln. Man bezweifelt dort die Ernsthaftigkeit des SS-Angebots natürlich. Aber die Alliierten interessieren sich für Brand, verlangen sein Erscheinen; er vermutet eine Falle, fährt auf Zureden seiner Freunde dann doch, gerät in eine Art Ehrenhaft der Engländer, wird monatelang vernommen. Entscheidendes zur Verwirklichung seines Planes geschieht nicht, weder von jüdischer noch von alliierter Seite. Inzwischen drehen die Todesmühlen weiter, schneller. Die Mächtigen sind von der Chance, wenigstens eine Million Juden zu retten, nicht zu überzeugen. Schließlich gelangen 1700 jüdische Deportierte aus Auschwitz in die Schweiz – das ist bekannt. Brand will diese Tatsache als Beweis für die Möglichkeit der Rettung auch der anderen angesehen wissen.